Inh. Friedo Stucke, Kastanienbogen 8 in 21776 Wanna  eigene.werte@t-online.de

Sonntag, 15. Dezember 2019

Die tanzenden Regelbrecher

© by Jonas Wömpner Martin Maecker, Andrea Casabianchi, Leif Scheele
(Hannover) Eine hintergründige Tanzstunde gibt es derzeit im Theater an der Glocksee unter dem Titel „Was du nicht sagst! - Eine gesellschaftspolitische Tanzstunde“ Mit dieser Inszenierung von Jonas Vietzke ist dem Theater eine sowohl aufrührende als auch charmant-witzige Position gelungen mit der man den Übergang ins neue Jahr wundervoll begehen kann. Ein Thema das uns nicht nur einmal beschäftigt, sondern zentral unser Zusammenleben prägt: Regeln!

Es geht darum welche Regeln es gibt, wie man ihnen freiwillig folgt, dazu gezwungen oder manipulativ eingebunden und verführt wird. Tanzschritte sind Regeln. Doch gelten die immer und in allen Situationen, wenn z.B. die Geschlechter vertauscht, gewandelt oder neu definiert sind? Und dann die Reduktion der Inhalte auf ein bestimmtes Regelwerk. Was nicht von einem Regelwerk erfasst wird, ist das dann automatisch verboten, Haram? Fühlt man sich da nicht gleich peinlich ertappt, verloren? Und dann die ungeschriebenen Regeln: Ist man rechts oder links eingestellt? Und wenn man links ist darf man dann noch Kritik an Linken Machenschaften äußern und vice versa? Das ist alles ganz schön konfus und am Glocksee Theater mit einer erfrischenden Leichtigkeit auf den Punkt gebracht. Große Themen werden nicht an einem Theaterabend beantwortet, aber das Ensemble hier hat mit vitalem Einsatz den Kern der Sache offen gelegt. Wann gingen sie das letzte Mal mit einem breiten Grinsen aus einer Vorstellung und dennoch nachdenklich gestimmt?

Regeln werden gesetzt im guten Glauben die Verhältnisse der Menschen untereinander zu regeln, sie zu ordnen. Damit die sie eben friedlich miteinander leben können. Wenn die Menschen das nicht ganz selbstverständlich können, sondern dafür Anleitungen benötigen, also fehlbar sind, müssen dann Regeln mit aller Härte durchgesetzt werden? Durch Strafe, Vergeltung und Rache? Oder sind das nicht ehr Ideen aus einer längst vergangenen Feudalherrschaft? Und damit sich jeder einzelne Mensch regelkonform verhalten kann, muss er sie doch auch kennen. Scherzfrage: Reiht man alle Regelwerke, Gesetzestexte, Richtlinien, Verordnungen die es in Deutschland gibt aneinander, wie viel Meter Buchrücken ergibt es dann? A) 20 Meter B) 50 Meter C) über 100 Meter Genau, die richtige Antwort lautet C). Und nun schauen sie sich bitte in ihrem Bücherregal um und schätzen wieviele Meter Buchrücken sie jemals gelesen haben. Diese Erkenntnis könnte Ihnen eine enormes Stresspotential bieten. Denn wie kann sich ein einzelnes Individuum in der Gemeinschaft verorten, sich identifizieren, wenn eine schier undurchdringliche Regelflut dagegen steht? Und umgekehrt, wie kann die Gemeinschaft der Menschen über eine einzelne Person ernsthaft, respektvoll und individuell urteilen?

Man kann diese Gedanken noch viel weiter spinnen. Regeln die sich gegenseitig widersprechen wie beispielsweise bei der Rundfunkgebühr. Regeln um Probleme zu lösen, die aber völlig unzureichend sind wie beispielsweise beim aktuellen Klimaschutzpaket. Mit Regeln ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet, wenn sie leichtgläubig und kritiklos angenommen werden. Und hier darf ich noch mal unterstreichen das die "gesellschaftliche Tanzstunde“ im Theater an der Glocksee beschwingend auf etwas aufmerksam macht, das uns alle betrifft.


Die nächste Vorstellung ist am Mittwoch den 18. 12. um 20:00. Im Januar 2020 geht es dann weiter am 3., 4., 8., 22., 24., 25. jeweils um 20:00 Karten gibt es über www.theater-an-der-glocksee.de oder via Tel.: 0511-1613936

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Hannah Arendt - Freiheit - Punk!



Kassandra Speltri © Jonas Wömpner
(Hannover) Hannah Arendt wurde in Hannover Linden geboren und ist laut Wikipedia politische Theoretikerin. Die Punk Band Pisscharge sind auch aus Hannover (mit Migrationshintergrund) heute dort aktiv und alles andere als Theoretiker. Sie sind nicht bei Wikipedia zu finden. Krasse Positionen die hier mit einer Frage zusammenkommen: Wie geht Freiheit? Es wird im Theater an der Glocksee ein wohlrecherchiertes Ideenfeuerwerk abgebrannt, dass wieder einmal zeigt wie lebendig freies Theater ist.

Eine der großen Herausforderungen am Theater ist der lineare Verlauf von Zeit. Wird etwas in diesem Schema erzählt ist Langeweile garantiert. Stellt man aber Fragen, so wie Lena Kußmann das tut, dann kommt eine mitreissende Dynamik ins Spiel. So wird hier Hannah Arendt in drei Stationen ihrer Lebens dargestellt (von Andrea Casabianchi, Ronja Donath, Laura Jakschas) und kann so mit sich selbst in Austausch treten. Interessanter Ansatz: denn was bleibt über von einer historischen Person in der Erinnerung des einzelnen? Eine Momentaufnahme? Momente ihres Wirkens? Oder sind es die Themen, Fragen, Provokationen etc., die eben jene Person aufgeworfen hat? Nun wird plötzlich nicht mehr die Person Hannah Arendt im Mittelpunkt stehen sondern das was sie tat, dachte, vermittelte etc. Eben die Sache. Und die ist bei diesem Theaterprojekt die Frage nach der Freiheit. Hand aufs Herz: Was Freiheit ist, ist das nicht eine der schwierigsten Fragen überhaupt? Und in einer Zeit in der so viele konkrete Fragen zur Disposition stehen wie: Klimawandel, Datenschutz, Migration, Rechtsruck, Waffenhandel, Autokraten etc.; ist es da nicht erfrischend einmal die Fragen auf das Elementare zu richten warum wir alle hier sind? Die großen Fragen des Hierseins auch eine wesentlich Aufgabe von Theater überhaupt! Wir könnten auf Grund von Evolution und technischer Entwicklung weltweit so frei sein wie noch nie, aber sind wir nicht alle auf die eine oder Art Sklaven von: Sicherheitsdenken, Besitzverteidigung, Meinungen, Regeln über Regeln gestützt in einem Korsett der Rechtsstaatlichkeit?

Casabianci, Donath, Jakschas, Speltri © Jonas Wöpner
Hannah Arendt gegenüber stehen die Punks. (Kassandra Speltri, Nico Tiekötter, Cristobal Camiruaga, Joao Guilherme) Sie schreien die gefühlte Unzufriedenheit laut raus. Sie verkörpern das Prinzip des „anders seins“ so laut und konsequent wie niemand sonst. Sie leben einen Stil der nicht in langen wohlgefeilten Diskussionsbeiträgen vorgetragen wird. Ihre Kunst ist ökonomisch auf höchstem Niveau. Sie hauen dir die Fakten um die Ohren, unverblümt und mit klarer Emotion. Sie stellen sich ihrer Situation, der Enge, der Beschränkung, der Restriktionen in dem sie einfach nicht Kompromiss bereit lavieren. Kein Punk benutzt so um tausend Ecken gedrechselte Sätze wie die Arendt, deren Sätze man zehn Mal lesen und überdenken muss um eine Ahnung zu bekommen wovon sie da spricht. Aber, das ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine Frage was man zu erreichen gedeckt und was man bereit ist dafür zu tun.


Nach der Groteske im Frühjahr (dem Milchstraßenknurren) ist dies eine weitere mutige und Rahmen sprengende Arbeit die das Ensemble an der Glocksee vorstellt. Eine Punk Band auf der Bühne (Hörschutz wurde bereitgestellt) kreatives Chaos das nie aus dem Ruder läuft in einem Paletten-Bauzaun-Autoreifen Gerümpelhaufen der einer 60er Jahre TV-Bühne gegenübersteht (Britta Bremer), eine vielschichtige Erzählweise die an Filme wie „Dritte Person“ von Paul Haggis oder „I´m not there“ von Todd Haynes erinnert und ein multimedialer Aufwand (Jonas Vietzke, Kirsten Müntinga) der nie Selbstzweck ist. Mit Hannah und der Punk oder wie geht Freiheit ist dem Theater an der Glocksee wieder ein theatrales Feuerwerk gelungen. Kein Wunder das die beiden Vorstellungen 16.10. und 18.10. schon ausverkauft sind. Weitere Vorstellungen sind am 25., 26., 30 Oktober und 1., 2., 6., November. Tickets unter www.theater-an-der-glocksee.de

Freitag, 4. Oktober 2019

Premiere im Theater an der Glocksee

© by Chris Wolff
(Hannover) Am 11. Oktober 2019 um 20:00 ist es wieder so weit. Dann steht die nächste Premiere auf dem Spielplan am Theater an der Glocksee in Hannover. Unter der Leitung von Lena Kußmann ist ein krachendes Stück Theater entstanden zu dem ich hier kurz die Pressemeldung zeigen möchte: 


Hannah und der Punk oder wie geht Freiheit?

Dieser Abend fordert Hirn und Herz, Trommelfell und Neuronen: Die brillanten Texte der politischen Theoretikerin Hannah Arendt zum Thema Freiheit und politische Teilhabe treffen auf die brachiale Emotionalität einer politischen Punkband. Hannah is back – in Form von drei virtuosen Performerinnen, welche die sinnlich denkende Hannah Arendt verkörpern und Auszüge aus ihren Werken zum Thema Freiheit in Sprache und Szene komponieren. Sie treffen auf die Hardcore Punkband »Pisscharge«, die sich mit ihrer Frontsängerin Kassandra ähnliche Themen unserer heutigen Welt vorknöpfen. Und Hannah? Will verstehen... Eine neue, gemeinsame und vielsprachige Suche beginnt: Nach dem Wesen der Freiheit, nach Mut, nach Verantwortung, Ohrenschützern, Körpereinsatz, Visionen - und nach dem Herz zwischen Bauch und Kopf.

»To me, punk rock is the freedom to create, freedom to be successful, freedom to not be successful, freedom to be who you are. It's freedom« - Patti Smith

»Es ist schwer zu entscheiden wo der Wunsch nach Befreiung - also frei sein von Unterdrückung, endet und der Wunsch nach Freiheit, also ein politisches Leben zu führen, beginnt.« - Hannah Arendt


Karten gibt es unter 0511-161 3936 oder www.theater-an-der-glocksee.de

Horst Janssen - Spötterer, Kopierer und Angeber

Frau mit dem 'effchen 1975 Horst Janssen
(Emden) Er war selbstverständlich auch Künstler. Ein großer Teil seines ca. 30.000 Arbeiten umfassendem Werkes wird in der Kunsthalle Emden als Kosmos Janssen und die bildende Kunst derzeit ausgestellt. Und weil eben bei einem so umtriebigen Künstler nicht alles gezeigt werden kann, treffen die in der Headline genannten Eigenschaften ziemlich gut den Ausschnitt dieser Schau die noch bis zum 26. Jan. 2020 zusehen sein wird. Es handelt sich hierbei um eine Doppelausstellung in Kooperation mit dem Horst-Janssen-Haus in Oldenburg. Dort dauert die Ausstellung vom 15. November 2019 bis zum 15. März 2020. In Emden liegt der Schwerpunkt auf die bildende Kunst, in Oldenburg auf den Wörterer unter dem Titel Kosmos Janssen- wie er schreibt.

Die Kuratorin Eugenia Kriwoscheja, die als wissenschaftliche Volontärin an der Kunsthalle Emden wirkt, hat in einer erfrischenden Weise eine sehr interessante Ausstellung zusammengestellt. Sie hat die Räume mit einzelnen Themen bestückt und so arrangiert dass man genüsslich in die geheimnisvolle Welt eintauchen kann. Im persönlichen Dialog mit Henri Nannen entstand 1988 eine erste Janssen-Ausstellung in Emden. Im ersten Raum nimmt die Ausstellung Bezug auf einem Brief Janssens an „Mynher Henri Nannen“, den Janssen als eine Hommage an den 1630 in Emden geborenen Seemaler Rudolph Backhuizen. In den weiteren Räumen werden vergleichende Exponate gezeigt die den Kopierer Janssen erschließen. Kopieren ist ja bekanntlich eine weithin gebräuchliche Technik um sich mit den Arbeiten anderer Künstler vertraut zu machen. Hierbei lernt man z.B. Pinselführung, Kompositionen und vieles mehr. Horst Janssen hat verschiedene Themen über viele Jahre immer wieder bearbeitet. So z.B. Katzen. In einem Raum kann man nun die Entwicklung verfolgen wie er sich immer wieder und wandelnd mit diesem Sujet beschäftigt hat. Kopieren bedeutete für Janssen aber auch auf eigene kreative Weise die Vorlagen weiter zu entwickeln, umzugestalten, die Essenz herauszuholen oder Gegenvorschläge zu finden. Hier tritt man spätestens in den Kosmos Janssen ein. Welten eröffnen sich, Denkschemata schimmern durch und das komplexe Wesen des Künstlers mit all seinen Widersprüchen dringt an die Oberfläche der mitunter skurrilen Arbeiten. Und dann der Spötterer, der „Angeber X“ der er war, ist viel Raum gewidmet. Was dachte er über andere Kollegen, und wie schamlos und provokant brachte er das zum Ausdruck?! Er bearbeitet die Arbeiten anderer Künstler mit Kommentaren die er direkt ins Bild schrieb, „korrigiert“ mit Pfeilen und Änderungen um die Arbeiten zu beurteilen, zu verbessern und zu kritisieren. 


Mein Tipp - bringen Sie viel Zeit mit, denn es gibt sehr viel zu entdecken. Die Ausstellung wirkt vor allem wenn man bereit ist in den Kosmos Janssen einzutauchen. Eine Hilfe für diesen Tauchgang ist der Katalog in dem Janssen als Wörterer und als Bildender ausführlich beschreiben ist.

Samstag, 27. Juli 2019

Wie entsteht Herkunft und Identität?

TachoTinta & Gast
(Oldenburg) Am Ende der Präsentation vom makingoff#41 des flausen+ Forschungsprojektes am Theater Wrede+ fragt Silvia Ehnis Perez Duarte wie sich die Anwesenden identifizieren. Gemeint war da nicht der Ausweis, Reisepass oder Führerschein. Sie fragte nach unserer Identität. Eine nachdenklich kollektive Stille breitete sich aus. Ein Moment den die vier Tänzer an diesem Abend mehrfach erreichten. Ihre Arbeit geht unter die Haut, trifft im Herzen und breitet sich von dort in respektvoller Weise aus. Das ist Poetik die große Fragen stellt - ohne Anklage oder Vorverurteilung. Die Fragen, auf die derzeit keiner eine befriedigende Antwort geben kann.

Why are two asians and one latin sitting and the floor? - ist der Arbeitstitel unter dem die Gruppe TachoTinta vier Wochen in Oldenburg theatrale, kreative Forschung betrieb. Neben der oben erwähnten Mexikanerin gehören noch die beiden Koreanerinnen Mijin Kim und Seulki Hwang sowie als Gast der Türke Enis Turan dazu. Vier diplomierte Tänzer die neue Wege in der Kunst suchen. Das Projekt flausen+ wurde initiiert vom Theater Wrede in Oldenburg. Förderungen für Innovationen gibt es in vielen Bereichen. Flausen+ ist das einzige Programm dass für Theater zugeschnitten ist. Hier können die Gruppen künstlerische Risiken eingehen ohne einem Erfolgsdruck ausgesetzt zu sein. Wer sich auf Entdeckungsreise macht, der darf auch scheitern können dürfen. Doch ist es nicht oft gerade diese Freiheit die den Erfolg herbei zieht? Enis Turan der als freelancer Tanz-Projekte produziert sagte, er würde gefühlte 80% mit Organisation verbringen und den Rest kreativ auf der Bühne. Diese Einschätzung kann ich nur bestätigen und habe ähnliches auch schon von vielen anderen Kollegen gehört. In diesem Jahr standen 180 Anträge 5 flausen+ Stipendien gegenüber. Deutlicher kann ein Fördervakuum kaum illustriert werden.

Junge Künstler forschen. Wie muss man sich das vorstellen? Bei diesen vier Wochen flausen+young artists in residence steht die Frage wie sie als die Gruppierung die sie sind wahrgenommen werden. Wie entsteht der erste Eindruck? Ist er biographisch? Welches Erscheinungsbild entsteht, und wie entwickelt sich daraus eine Identität? Ein wesentlicher Punkt ist die Herkunft und wie sie in diesem Land aufgenommen werden. Dann erstellen sie sich einen Tagesplan nach dem sie sich zeitlich genau richten. Das gibt eine äussere Form und hilft den Fokus auf die Frage zu halten.  Sie führen täglich ein Logbuch um so mit den Mentoren des Projektes Kontakt zu halten. Das Logbuch ist übrigens im Netz einzusehen. Eine spannende Lektüre darüber wie dieser Prozess verlief. Einmal pro Woche gibt es mit den Mentoren eine Reflektionsrunde. Und dann am Ende steht das Making Off, eine Präsentation dessen was sie in den vier Wochen gefunden haben, bzw. zumindest einen Einblick in die Arbeit, denn es ist ein vielfaches mehr entstanden.


Die making off’s die ich bisher gesehen habe, es waren schon einige, sind alle auf ganz unterschiedliche Weise abgelaufen. Bei diesem ging es vor allem darum ein Feedback aus dem Publikum zu bekommen. Also stellten sich die Akteure gegenseitig vor. Wobei die Vorstellung aus der Wahrnehmung der Person gestaltet wurde die erzählt. Darauf folgte eine erste tänzerische Einheit mit anschließender Gesprächsrunde. Interessant war nun zu beobachten wie die Kommentare aus dem Zuschauerkreis gestaltet wurden. Durch deren Aussagen entstand eine Identität, in dem das auf der Bühne gezeigte identifiziert wurde. Doch war es das auch wirklich? Hat Identifizierung also auch etwas mit erkennen, Aufmerksamkeit und eigener Bewertung zu tun? Jedenfalls war es eine rege Gesprächsrunde die zu Gunsten weiterer Vorstellungsmomente in Grenzen gehalten werden musste. Bemerkenswert ist die hohe Professionalität mit der die vier Tänzer arbeiteten. Es lag eine Spannung von respektvoller und mutiger Risikobereitschaft im Raum, eine wichtige Voraussetzung um Grenzen zu überschreiten. Aus dieser Forschungsarbeit ist geplant eine konkrete Inszenierung zu machen. Dann darf man wirklich gespannt sein.  Link

Montag, 22. Juli 2019

Kleist im Spiegel seiner Zeit

(Wanna) Kleist - Leben und Werk, so der Titel von Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Krafts Buch über Heinrich von Kleist. Eine Biografie? Nein, ehr nicht. Die Beweggründe Kleists bleiben unangetastet. Spekulationen sind nicht das Feld des Autors. Er zieht seine Schlüsse zum Werk ausschließlich aus belegbaren Tatsachen. Kein Wort über eine evtl. Phimose. Gesundheitliche und seelische Einflüsse gehören für Kraft ehr nicht in das Reich von Fakten.

Wer war im Krieg mit wem und warum, in welchem Battalion mit welchem Offiziergrad und das alles mit Briefen, Drucksachen und weiteren Dokumenten belegt. Wieviel Geld hatte er von wem zur Verfügung, welche Stellen versuchte er aufgrund seiner hochwohlgeborenen Herkunft zu bekommen, welche Zeitungen und einzelnen Artikel gab er wann und wie heraus? Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Kraft fühlt sich als Gelehrter sicherlich der Genauigkeit verpflichtet, was auch für dieses Buch lobenswert ist, der Mensch Heinrich von Kleist allerdings verblasst hinter dem nahezu erdrückendem Geschichtscolorit. Die Geschichtsdaten, die sich leider hauptsächlich auf politische Umstände beschränken, lassen eine kulturelle und auch persönliche Sicht auf Heinrich von Kleist vermissen. Fakten wechseln mit belesenen und sehr persönlichen Deutungen einzelner Werke. Man sollte schon mindestens eine Gesamtausgabe von Kleists Werken gelesen haben um den hier ehr differenzierten Genuss zu gewinnen. Der Verlag kündigt das Buch als spannende Unterhaltung an, und dem möchte ich hinzufügen, diese Unterhaltung entfaltet sich vor allem in einer höher gebildeten Leserschaft. Denn viele Deutungen und Auslegungen sollten besser von einem erwachsenen Geist hinterfragt als konsumiert werden.


Ein wenig mehr lebendiges erzählen hätte diesem Buch zu einer große Empfehlung verholfen. Dennoch lesenswert erschienen im Aschendorff Verlag ISBN 978-3-402-00448-7

Freitag, 24. Mai 2019

Jeder kann erfolgreich wirtschaften

(Wanna) Günter Faltin, der Pionier der Entrepreneurship-Bewegung, führt in „David gegen Goliath“ vor, wie ökologische und soziale Werte in der Wirtschaft integriert werden können statt mit der mehr-Wachstum-um-jeden-Preis Mentalität weiter zu machen. Das er damit nicht ganz falsch liegt zeigt sicherlich die Teekampagne die seit über 30 Jahren die im Buch beschriebenen Werte praktiziert. Der Schritt vom Kunden zum Teilnehmer einer verträglicheren Wirtschaft mag auf den ersten Blick groß erscheinen. Doch bei der Lektüre dieses Wirtschaftswissens bekommt man schnell ein Gefühl dafür wie einfach es ist ökonomisch zu handeln.

Der Hochschullehrer und Unternehmensgründer Faltin hat hier ein interessantes Buch vorgelegt. Würden wir uns alle aus der Knechtschaft des Kunden erheben und aktiv und gleichberechtigt am Wirtschaftsleben teilnehmen, dann wäre dieses Buch ein echter Gewinn. Doch der Mensch ist dick, dumm, faul und gefräßig. Er ist, oder besser noch wir sind, so sehr in unseren Gewohnheiten verhaftet, dass wir alles Unrecht der Welt lieber ertragen als unseren Arsch zu erheben um etwas sinnvolles Neues zu wagen. Wie Albert Einstein schon mit Erschütterung feststellte: es ist leichter ein Atom zu Spalten als eine Meinung im menschlichen Gehirn zu wandeln, oder so ähnlich. Ihr versteht meine Empörung? Faltin legt hier Gedanken vor die so einleuchtend sind, dass es einem die Schamesröte ins Gesicht treibt, weil man nicht bereits selbst darauf gekommen ist. Und diese Gedanken sind nicht neu. Von Faltin ist es die komplett überarbeitete und erweiterte Neuausgabe von „Wir sind das Kapital“. Mit dem Weckruf „wir können Ökonomie besser“ trifft er zwar den Kern seines Vortrags, aber nicht die Herzen der Menschen. Er zählt in zahlreichen Beispielen auf wie man aus der Sofafeistigkeit heraus aktiv am Wirtschaftsleben teil haben, und damit langfristig für das eigene Wohlergehen sorgen kann. Außerdem zeigt er wie man an der gnadenlosen Unverantwortlichkeit der Wirtschaftsmagnaten sägen kann, in dem man nicht einmal das Rad neu erfinden müsste, sondern nur das Wirtschaftssystem mit anderen Werten belebt. Einige wenige Menschen in der Welt tun das auch. Und sollte der Herr eines guten Tages Hirn regnen lassen, wird der Anteil der Menschheit auch größer werden die sich für humanere und umweltverträglichere Wirtschaftspraktiken interessieren.

Der Kern der Sache ist also nicht die Möglichkeit. Es geht viel mehr darum herauszufinden warum wir Menschen so träge und gemächlich alles beim alten lassen. Unser Desinteresse an wirtschaftlicher Gerechtigkeit geht soweit, dass ein Prozent der Menschheit über 99 Prozent des Kapitals verfügt. Und das leider nicht zum Wohle aller. Wir ertragen das einfach, gehen täglich zu unseren Sklaventreibern, kaufen Dinge die weder gut für uns sind noch die wir uns wirklich innig wünschen und die auf eine Weise produziert werden die unsere Welt unwiederbringlich zerstören. Wir haben die Wahl, doch der Trend seit einigen Jahren geht ehr dahin jemand anderen Verantwortung zu nehmen übertragen der für uns die Sache kontrolliert anstatt, dass wir selber aktiv werden für bessere Verhältnisse.

Jetzt am Sonntag ist Europawahl und wir können mit unserem Kreuz die Richtung vorgeben wohin die Reise gehen soll. Mehr Kontrolle durch
Führungspersonen denen wir blind folgen wollen, oder einen Schritt hinaus aus unserer Komfortzone in eine vielleicht bessere Zukunft. Ja, Veränderung bringt Ungewissheit und Gefahr mit sich. Aber verfaulen, verfetten und verblöden schadet uns auch.  Konservativ ist gut wenn Werte geschützt werden wenn auch wert sind geschützt zu werden. Die vorherrschenden Wirtschaftspraktiken sind das nicht.  Wollen wir den Kopf in den Sand stecken oder nicht doch einmal ein kleines bisschen wagen.  „David gegen Goliath“ beschreibt ganz pragmatisch den Weg etwas zu wagen, kreativ zu sein, Verantwortung zu übernehmen, die Welt neu zu gestalten, nicht zu akzeptieren wie die Verhältnisse sind und sein eigenes Leben interessanter zu formen in Gemeinschaft und miteinander an Stelle von gegen den Rest der Welt. Der Titel des Buches ist vielleicht etwas ungeschickt gewählt, denn es geht nicht so sehr darum die Goliaths der Welt zu schaden, sonder die Davids zu ermutigen. 


Das Buch ist ein klimaneutrales Druckprodukt. Erschienen bei Haufe 264 Seiten für 16,95€ mit der Print ISBN 978 3 648 12564 9 und ePub ISBN 978 3 648 12565 6