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Samstag, 16. Februar 2019

Zwischen Chaos und Ordnung

(Bremen) Der Raum zwischen einer bestehenden Ordnung zu einer nächsten wird mit dem Begriff Hiatus beschrieben. Unusual Symptons am Theater Bremen haben in der Choreografie von Helder Seabra diesen Ort, der gekennzeichnet ist von Stabilität und Zerfall, ausgelotet. Eine nicht gerade leicht verdauliche Kost die im politischen Gefüge dieser Zeit bestens angelegt ist.

Schon seit langem ist die politische Diskussion um die immer gleichen Probleme festgefahren. Die Argumente sind ausgelutscht, die Reformvorschläge abgedroschen und es gibt keine Sicht auf eine wirkliche Veränderung. Angenommen die Ordnung unserer Gesellschaft wäre am Ende ihrer Weisheit, dann könnte es sinnvoll sein die Perspektive zu wechseln. Taugt die Ordnung nichts, dann greift das Chaos. Sind wir in dieser Zeit vielleicht am Übergang von einem Zustand in einen anderen? Aus der Einführung zu diesem Tanzabend vom Dramaturg Gregor Runge kann man solche Gedanken ableiten. Und damit ist man geneigt Tanz, bei aller Ästhetik und Leichtigkeit oder Harmonie der Bewegung, als ein Medium qualitativ hochwertiger geistiger Reflektion anzusehen. Hier ist es nicht das scharfe Wort mit dem man rational und logisch eine Sache erforscht, sondern die visuelle und betroffen leidenschaftliche Erfahrung des Miterlebens um zu einem besseren Verständnis zu gelangen. So stellte ich mir die Frage, bei den vielen dynamischen Bildern die in vielfältiger Wiederholung gezeigt wurden, wie viel Chaos in der Ordnung sein kann und umgekehrt. Oder etwas konkreter benannt: Wenn wir eine Gesellschaftsordnung  haben, wie kann es dann sein das gleichzeitig so viel Chaos herrscht. Bei einem Rechtsanwalt hatte ich einmal eine Bücherwand gesehen mit den Loseblattordnern von Gesetzestexten. Meterlange Regale auf Dünndruckpapier; wer zum Henker soll wissen was da drin steht und wie man sich danach verhalten soll. Also ein überwältigendes Chaos in der besten Ordnung?

Gerade in den vielen Wiederholungen der aufwendig choreografierten Abläufe ist eine weitere Stärke zu finden. Sehe ich etwas einmal, kann ich rational verstehen. Sehe ich etwas mehrfach erkenne ich ein Muster, also einen komplexeren Zusammenhang. Sehe ich es dann noch und noch und noch Mal, entsteht eine Beziehung zwischen dem was ich sehe und Situationen aus meinem Erleben. Ich werde hineingezogen. Sind die Wiederholungen in vielen Variationen, dann entsteht eine Beklemmung die den Tretmühlen gleichen Ablauf vieler Tage zeigt. Sicherheit durch Vorhersehbarkeit wird zur eingeschränkten Welt, ja, es wird sogar alles ausgeschlossen was eine Erlösung bringen könnte. Ist das die Angst vor dem Chaos oder die Angst vor der Freiheit? Zeiten des Übergangs sind immer sehr kreative Zeiten. Aus der Biologie wissen wir, dass gerade die Übergangsbereiche von z.B. Wald  zu Feld die größte Artenvielfalt bietet. Oder: Die Migration wird als ein bedrohliches Phänomen beklagt, bekämpft verwaltet, aber die Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften die nur durch Migration zu finden sind.

In dieser Zeit des Übergangs stellt sich auch die Frage ob im Chaos ein Aufbruch zu finden ist, das ringen mit einer, oder um eine, Initialzündung hinzu einer neuen Ordnung, einer dynamischen vielleicht. Oder ist Dynamit, die stete Veränderung eine Ordnung an sich? Diese Fragen bleiben offen. Sie sind aber durch das Tanz Ensemble: Gabrio Gabrielli, Michai Geyzen, Nora Horvath, Alexandra Llorens, Ulrike Reinbott, Diego de la Rosa, AndorRusu und Young-Won Song auf beeindruckende Weise dargestellt worden. Die Kraft der bewegten und bewegenden Bilder allein durch beseelten menschlichen Körper zeigt wie vielschichtig wir alle sind, unabhängig unserer Kultur, Religion oder Herkunft.


Das nächste Mal ist dieser fantastische Tanzabend am Sonntag den 3. März um 18:30 zu sehen. Ich möchte noch erwähnen dass es eine interessante Einstimmung unter dem Titel Physical Prologue auf der Probebühne gab. Das ist ein schöner ruhiger Übergang von dem was immer man den ganzen Tag tat hin zu einer künstlerischen Teilnahme. www.theaterbremen.de

Donnerstag, 14. Februar 2019

Bremer Erklärung der Vielen

Kunst und Kultur schaffen einen Raum zur Veränderung der Welt

Als Aktive in der Kulturlandschaft haben wir eine aus der Geschichte Deutschlands erwachsene Verantwortung, da von unserem Land die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Künstler*innen. Kunst wurde als „entartet“ diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Als Kulturschaffende in Deutschland tragen wir deshalb eine besondere Verantwortung und wollen diese wahrnehmen.

Heute begreifen wir die Kunst- und Kultureinrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist plural. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Das Zusammenleben in einer Demokratie muss täglich neu gestaltet werden - aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten!

Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteur*innen dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte und nationalistische Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne und Programme eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur.

Am Beispiel ihres verächtlichen Umgangs mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kulturschaffenden, mit Menschen diverser Herkunft, diverser Kulturen, Lebensentwürfen oder Religionen und mit Andersdenkenden wird deutlich, wie sie mit der Gesellschaft beabsichtigen umzugehen, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern.

Wir, die Unterzeichnenden, begegnen diesen Versuchen mit einer klaren Haltung.

Wir, die Unterzeichnenden, verstehen das Land Bremen als offen, bunt, vielfältig und liberal. Diese tolerante Vielstimmigkeit zu erhalten und für sie entschieden zu kämpfen, wo es notwendig ist, dazu verpflichten sich die Kunst- und Kultureinrichtungen und die Interessenvertretungen der freien Kunst- und Kulturschaffenden dieser Stadt und dieses Landes.

- Wir, die Unterzeichnenden, führen die offene und kritische Auseinandersetzung über rechtspolitische und jede andere Form von populistischen Strategien, die demokratische Grundwerte untergraben. Aus der Überzeugung heraus, dass wir den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln und zu verteidigen gestalten wir diesen Dialog gemeinsam mit den Akteur*innen der Kunst- und Kulturszene und der Öffentlichkeit.

- Wir, die Unterzeichnenden, fördern Debatten, bieten aber kein Forum für rechtsnationale und andere Propaganda.


- Wir, die Unterzeichnenden, wehren die Versuche der Rechtspopulisten und anderer Populisten ab, Kultur für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

-Wir, die Unterzeichnenden, solidarisieren uns mit Menschen, die durch extremistische Ideologien ausgegrenzt und bedroht werden und wenden uns gegen jede Form der Diskriminierung.

- Rassismus begegnet uns täglich. Wir setzen uns deswegen mit den eigenen Strukturen auseinander und stellen sie zur Diskussion. Wir müssen die Kunst- und Kulturräume, sowie unsere Gesellschaft öffnen, damit  wir wirklich Viele werden!


Solidarität statt Diskriminierung. 
Es geht um Alles. 
Die Kunst bleibt frei!

Freitag, 8. Februar 2019

Theater nah am Publikum

(Hannover) Wer glaubt Theater, das analoge Erlebnis in einer virtuellen Zeit, sei tod, der mag sich vielleicht vom Geruch einiger verstaubter Musentempel irritieren lassen. Doch es ist durchaus schon zum angesagten Treffpunkt avanciert. Zumindest in den freien Theater die ich von Zeit zu Zeit besuche. Kürzlich war ich beim ersten „Salon“ im Theater an der Glocksee. Das kleine, ja schon fast beengende Foyer war am vergangenen Dienstag bis zum bersten gefüllt. Kaum zu glauben das noch ein Pianist und Saxophonist Platz fanden um auf Wunsch eine musikalsche Einlage nach der anderen zu spielen.

Nach kurzer Ansage das dieses Publikumsformat ein neuer kultureller Treffpunkt an ausgesuchten Dienstagen stattfindet war die Klubsituation schon eröffnet. Doch neben den Musikern und den spontanen Gesprächen, bei denen schnell klar wurde dass viele zum ersten Mal in dem Theater waren, wurde an verschiedenen Stellen noch eine Menge Infos über die kommenden drei Produktionen präsentiert. Nicht jede Information kann man im Netz finden. Vieles kann man eben nur erleben wenn man sich auf macht um persönlich da zu sein. Salon, der neue Ort in dem die Kultur des Austauschens, eine „Nah-Bar“ für Gespräche, Aktionen, Kunst und Politik, für Lesungsabende, Clubmomente, Experimente, aktuelle Diskurse und Treffen zwischen Künstlern und Publikum, auf Augenhöhe Platz findet, wurde mit großer Begeisterung gefeiert. Man darf gespannt sein wie dieses neue Format des Theatererlebens ausgebaut wird.


Die Termine findet am auf der Webseite.

Sonntag, 6. Januar 2019

Kommt mal klar!

© by Glocksee
(Hannover) In einer wahnsinnigen Welt ist der Wahnsinn normal. Dann ist es sinnlos über Werte zu sprechen die wir heute noch verteidigen oder verabscheuen. Eine ernsthaft geführte Diskussion ist dann überflüssig. Landauf landab sieht man in den Theatern, staatliche oder freie, die Auseinandersetzung mit den Problemen dieser Zeit. Wiederkäuend werden die Argumente herauf gewürgt, leidenschaftlich in die Mikrofone gepredigt um genügend Volk für die eigene Sache zu gewinnen. Terror, Flüchtlinge, Kapitalismus und völlig durchgeknallte Staatsoberhäupter. Immer der selbe Reigen und kein Schritt Bewegung oder Veränderung in Sicht. Man möchte Mal den Pausenknopf drücken - durchatmen - abschalten. Das haben die Akteure vom Theater an der Glocksee in Hannover erkannt und ein Stück auf die Bühne gebracht das uns allen einen Moment der Besinnung verschafft. Den ganzen Affenzirkus einmal aus der Sesselposition zu betrachten um der irrsinnigen Weltpolitikshow die Maske herunter gleiten zu lassen. Und dann kommt (vielleicht) eine neue Bewertung der Lage zum Vorschein, die Groteske, die Form die es gerade noch schafft eine angemessene Beschreibung von Realität zu geben. Mit dem Preisgekrönten Drama von Bonn Park „Das Knurren der Milchstraße“ wird einmal wirklich alles durchgeschüttelt was uns mit hypnotisierenden Mantras Tag für Tag eingebläut wird. Es wird Zeit den Rapport einmal abzubrechen. Doch die Kakophonie der Argumente treibt uns zu einer nüchternen Betrachtung: die der grotesken Darstellung.

Das Ensemble an der Glocksee ist ja schon bekannt dafür Themen anzupacken die man als heiße Eisen bezeichnen kann.  Aber diesmal legen sie noch einen Zahn drauf. „Das Knurren der Milchstrasse“ ist ein Rundumschlag bei dem jeder auf die eine oder andere Art betroffen wird. Die eingangs erwähnten Themen unserer Zeit kommen auf sehr aussergewöhnliche Art und Weise in den Fokus. Es ist nicht nur die genial übertriebene Überhöhung, die es dem Zuschauer ermöglicht eine neue Position zu Bekanntem einzunehmen. Es ist vielmehr die sprühende Spiellust die den Theaterraum zum platzen bringen will. Und man kann sagen das Publikum wird mal gehörig durchgeschüttelt. Da sind die einen die sich kein Grinsen verkneifen können und andere die von Minute zu Minute versuchen sich zu distanzieren. Aber alle sind voll involviert, das ist Theater-Erlebnis pur. Welch eine Erholung, sich für eine Blasenlänge der Sachlichkeit zu entledigen, um tief durchzuatmen. Es ist sehr hilfreich wenn man seine Vorbehalte und eingefleischten Ansichten beiseite lässt und sich dem virtuosen Treiben in aberwitzigen Kostümen hingibt. Es ist als würde ein unparteiischer Beobachter aus dem Weltraum auf die Erde blicken und aus dem staunen nicht mehr heraus kommen. Und kurz bevor so ein Beobachter dem Wahnsinn verfällt, kann er ein befreienden Schrei zu uns herunter senden: „Kommt mal klar!“ Ein Weckruf der nicht anklagt, ein Schock der nicht lähmt, eine Besinnung ohne Scham, ein Tabubruch ohne Strafe; all das ist zu spüren wenn die Milchstraße knurrt.


Dargestellt wird „Das Knurren der Milchstraße“ von Bonn Park auf der Bühne von Andrea Casabianchi, Johannes Fast, Astrid Köhler und Lena Kußmann, Regie führte Jonas Vietzke, das krasse Bühnenbild ist von Britta Bremer und die schrägen Kostüme von Juliane Brösemann. weitere Vorstellungen sind im Januar 2019 am 11., 12., 16., 18., 9., 23., 25. und 26. jeweils um 20:00 Kartentelefon: 0511-161 3936 oder www.theaterglocksee.de

Sonntag, 18. November 2018

Theater tatsächlich innovativ

Elischa Kaminer
(Oldenburg) flausen+, young artist in residence ist ein von Theater Wrede+ in Oldenburg initiiertes Forschungsprogramm für darstellende Künstler. In den vergangenen Jahren haben bereits ca. 40 Gruppen eine solche Residenz ausfüllen können. Nach der Forschungsphase kam die Produktionsphase, und nun ist eine Performence der Gruppe Chicks* unter dem Titel „Love me harder“ im Theater in der Klävemannstr. 16 zu sehen. Chicks* ist ein freies Performancekollektiv, eine feministische Gruppe, die Bilder von Geschlecht und Identität in der Popkultur, Medien, Politik, persönlichem Umfeld und Geschichte als Spiegel gesellschaftlicher Machtstrukturen begreift und performativ umarbeitet. 

Diese etwas sperrige Selbstbeschreibung steht einer beeindruckenden Performace gegenüber. Auf der Bühne eine ergreifende Intimität herzustellen ist eines der schwierigsten Aufgaben die sich ein Schauspieler stellen muss. Wirkt der Spieler privat, dann ist der Ausdruck banal. Ist er zu distanziert, dann kommt es einer Aufforderung zur Gleichgültigkeit nahe. Doch in Love me harder hat die Gruppe um den Performer Elischa Kaminer eine Form gefunden die sowohl extrem privat ist und mit einem starken Ausdruck verbunden, dem man sich in fesselnder Ambivalenz nicht entziehen möchte. Kaminer blickt die einzelnen Zuschauer an. Er nimmt sich Zeit zu schauen und gesehen zu werden. Auf sehr respektvolle Art bindet er einzelne Zuschauer in verschiedene Handlungen ein. Es ist die bislang gelungenste Publikumsbeteiligung die ich in über 30 Jahren Theatererfahrung gesehen habe. Respekt!

Man sieht ein Bildermosaik verflochten aus Begehren und diversen sexuellen Verlangen. Es geht darum auszuloten wie eine neue Form von männlicher Erotik, die nicht als Gegensatz zu Feminität sein muss, dennoch sensibel ist. Die Konzepte von patriarchaler Männlichkeit wird brüchig, und es stellt sich die Frage: durch welche Umstände und Erfahrungen gestaltet sich mein Begehren? Um diesen Fragen nachzugehen präsentiert Kaminer einen bunten Kaleidoskop kleinster Handlungen, versprüht ein süssliches  Parfum, arrangiert Puppen, stellt sich wie ein griechischer Held in Pose, badet eine Puppe, und überrascht immer wieder mit noch anderen, zündenden, verschmitzten, überzogenen, kritischen und witzigen Ideen. Eine nicht enden wollende Folge kleiner Einzelstücke die Teil für Teil etwas erahnen lassen. Die Stimmung im Publikum lässt vermuten das jeder einzelne Zuschauer mit seiner eigenen Geschichte beschäftigt ist. Kaminer stimmt sein Publikum nachdenklich auf eine wertfreie Art. Er gibt jedem einzelnen Raum zu sein, und dann geht er weiter für ein weiteres Erlebnis.

Man könnte sagen: darmaturgisch betrachtet fehlte der Spannungsbogen. Ja, aber hier wird auch keine Geschichte erzählt, sondern Anregungen gezeigt um sich mit sexuellen Realitäten zu beschäftigen. Unsere Erzählformen sind heute anders seit dem fast jeder Mensch mit einem Smart Phone ausgestattet ist. Wir haben kaum noch die Geduld uns auf prosaische Geschichten einzulassen. Und genau darum ist es so sehr zu begrüßen, dass sich Gruppen wie Chicks* und das Theater Wrede+ um die Kultivierung neuer Kommunikationsformen kümmern.

Weitere Termine sind noch am 29. und 30. 11. jeweils um 20:00

Karten unter 0441-9572022 oder: www.theaterwrede.de

Freitag, 6. Juli 2018

Marmor in Motion

Venske & Spänle Steinbeisser © by Axel Biewer
(Wilhelmshaven) Zur Zeit da sich pseudosportliche Sesselfurzer wahnsinnig agil fühlen weil sie den überbezahlten Kickern auf dem Rasen nach fiebern beginnt eine sehenswerte  Ausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven die, mit Marmorskulpturen vom Künstlerpaar Venske & Spänle, wesentlich mehr Lebenszeichen zeigen. Sonntag um 11:30 eröffnen Michael Diers und Dr. Marc Wellmann „Übernahme!“ - Bildhauerei, Skultpuren aus weissem Marmor.

Jedes mal wenn ich zu einem Pressetermin der Kunsthalle in die Hafenstadt fahre scheint es mir ein Weg zum Ende der Welt. Wesertunnel, Landstraße die mit Blitzer gespickt zum langsam fahren zwingt, ein Stück Autobahn, und dann die sich endlos hinziehende Ortseinfahrt. Man entfernt sich so weit vom gefühlten Puls der Zeit, dass man kaum noch etwas von Bedeutung erwartet. Doch dann passiert es. Für drei Monate bis zum 30. September 2018 kann man die aus Marmor gehauenen Objekte bewundern. Bewundern ist hier wohl das treffenste Wort. Selbst wenn man „den“ David betrachtet hat man eine unmittelbare Vorstellung von Gewicht, nicht so bei den „Smörfs“, „Helotrophen“ und „Myzoten“ von Venske & Spänle. Die gebürtige Berlinerin Julia Venske und der aus München stammende Gregor Spänle darf man als Meister der Steinbildhauerei beschreiben. Das Künstlerduo kann seit 1997 schon auf über 70 Ausstellungen weltweit zurück blicken. Doch das besondere an ihnen ist nicht unbedingt der Erfolg sondern die überwältigende Transformation von schwerem Marmor in federleichte organische Spezies. Ihr Material ist der Laaser Marmor aus den südlichen Alpen. Im Weißwasserbruch, von wo Venske & Spänle  ihren Marmor beziehen. Das Gestein wird unterirdisch in 100 Meter langen Abbauhallen mit Diamantseilsägen und -schrämmaschinen abgebaut. Die Blöcke sind bis zu 8000 Tonnen, in Worten: achttausend, schwer bevor sie in handelsübliche Blockgrößen formatiert werden. Dann rücken die Bildhauer dem 600 Millionen Jahre alten Stein mit Säge, Bohrer, Meißel, Feile, Poliermaschine und Schleifpapier zu Leibe. Der Stein, schroff, kantig, brüchig, hart und gewichtig wird so gewandelt um weich, leicht, beweglich, glatt, anschmiegsam und lebendig zu wirken.

Doch nicht nur die Eigenschaften sind der Hingucker. Der Ausdruck oder das was der Stein als neue Persönlichkeit annimmt ist das besondere an diesen Arbeiten. Aufgeteilt in drei Gruppen gibt es die Smörfs, welch in Gemeinschaften erscheinen. Sie sind Wesen die sich scheinbar durch den Raum bewegen und überall auf der Welt ein Zuhause gefunden haben. Sie überdauern die Zeit, wandeln sich von persönlichem Besitz zu kulturellem Erbe der Menschheit. Die Myzoten sind Individuen die sich - jede mit eigenem Charakter - in die Höhe streckt. Laaser Marmor hat die gleiche Lichtdurchlässigkeit die der Mensch auch. Mit der polierten Oberfläche gewinnen die Skulpturen so eine organische Lebendigkeit, man möchte sie unwillkürlich ansprechen oder ihnen die Hand schütteln. Anfassen ist übrigens gewünscht und in eine Figur kann man sich sogar hineinsetzen. Als dritte Werkgruppe gibt es die Helotrophen. Diese kleine Wesen benötigen einen Wirt. Man kann sie in den Arm nehmen, sie wohnen in einer Bierkiste, einer Plastiktüte oder einem ausrangiertem Ölfass. Eine weitere  Form, und dies ist noch relatives Neuland in der Bildhauerei, ist die virtuelle Platzierung. An neun Orten in Wilhelmshaven sind QR-Codes verteilt. Über eine App kann man dann vor Ort Skulpturen in Verbindung mit dem jeweiligen Ort erleben. Und anhand von Daten kann man virtuelle Skulpturen mit einem 3D-Drucker in die Wirklichkeit holen.


Neben Ausstellungsführungen mit Christoph Goritz und Radtouren „Auf den Spuren der Smörfs in WHV“ gibt es bis zum Ende der Ausstellung noch Redezeiten, Kunst-Picknick und andere Veranstaltungen. Die genauen Termine und Inhalte werden auf der Seite der Kunsthalle bekannt gegeben. Kunsthalle Wilhelmshaven

Samstag, 30. Juni 2018

Studio Moves der BallettCompagnie Oldenburg

Marié Shimada © Stefan Walzl
(Oldenburg) Die Ballett Compagnie Oldenburg gab gestern einen fantastischen Abend auf der Probebühne 1 in der Cäcilienstr. hinter dem Theater unter dem Titel „Studio Moves“ Das Wetter war schön die Stimmung vor der Premiere der drei Uraufführungen war erwartungsvoll und beschwingt. Doch leider hatte niemand daran gedacht wo das knapp hundertköpfige Publikum Platz nehmen sollte um die Tänzer bei ihrem schaffen zu sehen. Sechs Reihen auf gleichem Level mit dem Tanzboden und zwei auf flachen Podesten. Ab der dritten Reihe konnte man nur in kleinen Sichtfeldern einen Blick auf die Bühne erhaschen.

Penseur, so der Titel des ersten Stücks, dass bis zur Pause dauerte, wurde von Musikern auf der Bühne begleitet. Timothée Cuny der die Musik komponierte sang in französischer Sprache zu den einfühlsamen Klängen von Klavier, Cello und Loop Gerät. Die Choreografie wirkte sehr kraftvoll, gespannt, strotzende Energie und ließ Raum für Assoziationen wie Wut, Enttäuschung und Verzweiflung. Irgendwo war Nebel und zwei Ventilatoren machten Wind, doch durch den kleinen Ausschnitt den ich am Mittelgang hatte, konnte ich das gesamte nie sehen. Man muss sich vorstellen ein Buch zu lesen in dem jede 2. oder 3. oder 4. Seite herausgerissen wurde; Sie verstehen? Man verliert einfach den Faden, bemerkt nur Bruchstücke die aus dem Ganzen heraus genommen wurden. Und wenn ein Tänzer oder eine Tänzerin durch das 2 Meter kleine Sichtfenster huscht erkennt man zwar die kunstvolle Aktivität, aber keinen Sinn, keine Emotion, keine Ästhetik.

Nach der Pause, in der der Raum schön gelüftet wurde, kam die Choreografie von Floriado Komino mit der Tänzerin Marié Shimada und dem Tänzer Lester Rene González Álvarez und dem Stück Palm Trees and Cherry Blooms. Diesmal hatte ich Glück, denn große Teile des Stücks spielten sich direkt vor meinem Bildausschnitt ab. Und ich bin gerne bereit zu gestehen, dass ich voller Bewunderung meinen Hut vor diesen beiden Tänzern und dem Choreografen ziehe. Zwei Fremde aus unterschiedlichen Gegenden der Erde treffen sich und durchleben alle Facetten die Beziehungen zu bieten haben. Komino versteht es mit knappen Bildern eine Welt der Erfahrungen im Betrachter zu erzeugen. Und wie es Chaplin schon herausfand, kann man über die Dinge die schmerzen besser Reflektieren wenn man auch darüber lachen kann. Eine ergreifende Kunst des dramakomischen wurde da von dem Tanzpaar geboten, von dem man sich wünschte alle im Publikum könnten es sehen. Doch spielte sich einiges im Tanz auf dem Boden ab, was nur von der ersten Reihe gesehen wurde und von denen die sich mittlerweile am Rand des Raumes einen Stehplatz ergattert hatten.

Es gab noch eine dritte Choreografie  „Paradigme“ von Maelenn Le Dorze. Und man darf ohne Einschränkung sagen an diesem Abend trat ein stark motiviertes und engagiertes Ensemble auf, welches eine ergreifenden Show zeigte. Nur hatte niemand an die Tribüne gedacht. Warum ich immer wieder darauf zu sprechen komme, es nicht einfach gut sein lassen kann? Weil es den Tänzern und Choreografen gegenüber eine masslose Respektlosigkeit ist. Im Tanz kommt es darauf an präzise zu arbeiten. Genau auf den Takt zu treffen, ja auf einzelne Noten eine Geste beginnen oder enden lassen, ein Lichtwechsel der ein kurzes Bild entstehen lässt muss exakt auf den Punkt kommen. Das erfordert eine besondere Art der Hingabe, ein Commitment, eine Weise in der man sich einer Aufgabe verschreibt um etwas größeres entstehen zu lassen. Und diese Anforderungen hat das Ensemble erfüllt, durch eine lange Ausbildung voller Qualen, täglichen Trainings, ein Leben auf Reisen wie Flüchtlinge im Namen der Kunst, wochen- wenn nicht monatelange Proben, eben eine harte körperliche Arbeit für nur drei Auftritte verzückender Schönheit - und dann stellt niemand die Stühle hin das man es auch sehen kann? Das ist kafkaesk! Und dann das Publikum! Alle gaben berauschenden Beifall - doch wofür? Das Gemunkel über die schlechte Sicht war rundherum Gesprächsthema. Warum aber stand das Publikum nicht auf und forderte eine ordentliche Sitzordnung? Ich frage: wie gering sind die Ansprüche an Kunst und Kultur in diesem Land, wenn stillschweigend alles akzeptiert wird was man so achtlos vorgesetzt bekommt.

Studio Moves gibt es noch heute und morgen Abend. Gehen sie hin, denn es ist ein Erlebnis sofern sie sich einen guten Platz ergattern können.