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Samstag, 27. Juli 2019

Wie entsteht Herkunft und Identität?

TachoTinta & Gast
(Oldenburg) Am Ende der Präsentation vom makingoff#41 des flausen+ Forschungsprojektes am Theater Wrede+ fragt Silvia Ehnis Perez Duarte wie sich die Anwesenden identifizieren. Gemeint war da nicht der Ausweis, Reisepass oder Führerschein. Sie fragte nach unserer Identität. Eine nachdenklich kollektive Stille breitete sich aus. Ein Moment den die vier Tänzer an diesem Abend mehrfach erreichten. Ihre Arbeit geht unter die Haut, trifft im Herzen und breitet sich von dort in respektvoller Weise aus. Das ist Poetik die große Fragen stellt - ohne Anklage oder Vorverurteilung. Die Fragen, auf die derzeit keiner eine befriedigende Antwort geben kann.

Why are two asians and one latin sitting and the floor? - ist der Arbeitstitel unter dem die Gruppe TachoTinta vier Wochen in Oldenburg theatrale, kreative Forschung betrieb. Neben der oben erwähnten Mexikanerin gehören noch die beiden Koreanerinnen Mijin Kim und Seulki Hwang sowie als Gast der Türke Enis Turan dazu. Vier diplomierte Tänzer die neue Wege in der Kunst suchen. Das Projekt flausen+ wurde initiiert vom Theater Wrede in Oldenburg. Förderungen für Innovationen gibt es in vielen Bereichen. Flausen+ ist das einzige Programm dass für Theater zugeschnitten ist. Hier können die Gruppen künstlerische Risiken eingehen ohne einem Erfolgsdruck ausgesetzt zu sein. Wer sich auf Entdeckungsreise macht, der darf auch scheitern können dürfen. Doch ist es nicht oft gerade diese Freiheit die den Erfolg herbei zieht? Enis Turan der als freelancer Tanz-Projekte produziert sagte, er würde gefühlte 80% mit Organisation verbringen und den Rest kreativ auf der Bühne. Diese Einschätzung kann ich nur bestätigen und habe ähnliches auch schon von vielen anderen Kollegen gehört. In diesem Jahr standen 180 Anträge 5 flausen+ Stipendien gegenüber. Deutlicher kann ein Fördervakuum kaum illustriert werden.

Junge Künstler forschen. Wie muss man sich das vorstellen? Bei diesen vier Wochen flausen+young artists in residence steht die Frage wie sie als die Gruppierung die sie sind wahrgenommen werden. Wie entsteht der erste Eindruck? Ist er biographisch? Welches Erscheinungsbild entsteht, und wie entwickelt sich daraus eine Identität? Ein wesentlicher Punkt ist die Herkunft und wie sie in diesem Land aufgenommen werden. Dann erstellen sie sich einen Tagesplan nach dem sie sich zeitlich genau richten. Das gibt eine äussere Form und hilft den Fokus auf die Frage zu halten.  Sie führen täglich ein Logbuch um so mit den Mentoren des Projektes Kontakt zu halten. Das Logbuch ist übrigens im Netz einzusehen. Eine spannende Lektüre darüber wie dieser Prozess verlief. Einmal pro Woche gibt es mit den Mentoren eine Reflektionsrunde. Und dann am Ende steht das Making Off, eine Präsentation dessen was sie in den vier Wochen gefunden haben, bzw. zumindest einen Einblick in die Arbeit, denn es ist ein vielfaches mehr entstanden.


Die making off’s die ich bisher gesehen habe, es waren schon einige, sind alle auf ganz unterschiedliche Weise abgelaufen. Bei diesem ging es vor allem darum ein Feedback aus dem Publikum zu bekommen. Also stellten sich die Akteure gegenseitig vor. Wobei die Vorstellung aus der Wahrnehmung der Person gestaltet wurde die erzählt. Darauf folgte eine erste tänzerische Einheit mit anschließender Gesprächsrunde. Interessant war nun zu beobachten wie die Kommentare aus dem Zuschauerkreis gestaltet wurden. Durch deren Aussagen entstand eine Identität, in dem das auf der Bühne gezeigte identifiziert wurde. Doch war es das auch wirklich? Hat Identifizierung also auch etwas mit erkennen, Aufmerksamkeit und eigener Bewertung zu tun? Jedenfalls war es eine rege Gesprächsrunde die zu Gunsten weiterer Vorstellungsmomente in Grenzen gehalten werden musste. Bemerkenswert ist die hohe Professionalität mit der die vier Tänzer arbeiteten. Es lag eine Spannung von respektvoller und mutiger Risikobereitschaft im Raum, eine wichtige Voraussetzung um Grenzen zu überschreiten. Aus dieser Forschungsarbeit ist geplant eine konkrete Inszenierung zu machen. Dann darf man wirklich gespannt sein.  Link

Montag, 22. Juli 2019

Kleist im Spiegel seiner Zeit

(Wanna) Kleist - Leben und Werk, so der Titel von Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Krafts Buch über Heinrich von Kleist. Eine Biografie? Nein, ehr nicht. Die Beweggründe Kleists bleiben unangetastet. Spekulationen sind nicht das Feld des Autors. Er zieht seine Schlüsse zum Werk ausschließlich aus belegbaren Tatsachen. Kein Wort über eine evtl. Phimose. Gesundheitliche und seelische Einflüsse gehören für Kraft ehr nicht in das Reich von Fakten.

Wer war im Krieg mit wem und warum, in welchem Battalion mit welchem Offiziergrad und das alles mit Briefen, Drucksachen und weiteren Dokumenten belegt. Wieviel Geld hatte er von wem zur Verfügung, welche Stellen versuchte er aufgrund seiner hochwohlgeborenen Herkunft zu bekommen, welche Zeitungen und einzelnen Artikel gab er wann und wie heraus? Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Kraft fühlt sich als Gelehrter sicherlich der Genauigkeit verpflichtet, was auch für dieses Buch lobenswert ist, der Mensch Heinrich von Kleist allerdings verblasst hinter dem nahezu erdrückendem Geschichtscolorit. Die Geschichtsdaten, die sich leider hauptsächlich auf politische Umstände beschränken, lassen eine kulturelle und auch persönliche Sicht auf Heinrich von Kleist vermissen. Fakten wechseln mit belesenen und sehr persönlichen Deutungen einzelner Werke. Man sollte schon mindestens eine Gesamtausgabe von Kleists Werken gelesen haben um den hier ehr differenzierten Genuss zu gewinnen. Der Verlag kündigt das Buch als spannende Unterhaltung an, und dem möchte ich hinzufügen, diese Unterhaltung entfaltet sich vor allem in einer höher gebildeten Leserschaft. Denn viele Deutungen und Auslegungen sollten besser von einem erwachsenen Geist hinterfragt als konsumiert werden.


Ein wenig mehr lebendiges erzählen hätte diesem Buch zu einer große Empfehlung verholfen. Dennoch lesenswert erschienen im Aschendorff Verlag ISBN 978-3-402-00448-7

Freitag, 24. Mai 2019

Jeder kann erfolgreich wirtschaften

(Wanna) Günter Faltin, der Pionier der Entrepreneurship-Bewegung, führt in „David gegen Goliath“ vor, wie ökologische und soziale Werte in der Wirtschaft integriert werden können statt mit der mehr-Wachstum-um-jeden-Preis Mentalität weiter zu machen. Das er damit nicht ganz falsch liegt zeigt sicherlich die Teekampagne die seit über 30 Jahren die im Buch beschriebenen Werte praktiziert. Der Schritt vom Kunden zum Teilnehmer einer verträglicheren Wirtschaft mag auf den ersten Blick groß erscheinen. Doch bei der Lektüre dieses Wirtschaftswissens bekommt man schnell ein Gefühl dafür wie einfach es ist ökonomisch zu handeln.

Der Hochschullehrer und Unternehmensgründer Faltin hat hier ein interessantes Buch vorgelegt. Würden wir uns alle aus der Knechtschaft des Kunden erheben und aktiv und gleichberechtigt am Wirtschaftsleben teilnehmen, dann wäre dieses Buch ein echter Gewinn. Doch der Mensch ist dick, dumm, faul und gefräßig. Er ist, oder besser noch wir sind, so sehr in unseren Gewohnheiten verhaftet, dass wir alles Unrecht der Welt lieber ertragen als unseren Arsch zu erheben um etwas sinnvolles Neues zu wagen. Wie Albert Einstein schon mit Erschütterung feststellte: es ist leichter ein Atom zu Spalten als eine Meinung im menschlichen Gehirn zu wandeln, oder so ähnlich. Ihr versteht meine Empörung? Faltin legt hier Gedanken vor die so einleuchtend sind, dass es einem die Schamesröte ins Gesicht treibt, weil man nicht bereits selbst darauf gekommen ist. Und diese Gedanken sind nicht neu. Von Faltin ist es die komplett überarbeitete und erweiterte Neuausgabe von „Wir sind das Kapital“. Mit dem Weckruf „wir können Ökonomie besser“ trifft er zwar den Kern seines Vortrags, aber nicht die Herzen der Menschen. Er zählt in zahlreichen Beispielen auf wie man aus der Sofafeistigkeit heraus aktiv am Wirtschaftsleben teil haben, und damit langfristig für das eigene Wohlergehen sorgen kann. Außerdem zeigt er wie man an der gnadenlosen Unverantwortlichkeit der Wirtschaftsmagnaten sägen kann, in dem man nicht einmal das Rad neu erfinden müsste, sondern nur das Wirtschaftssystem mit anderen Werten belebt. Einige wenige Menschen in der Welt tun das auch. Und sollte der Herr eines guten Tages Hirn regnen lassen, wird der Anteil der Menschheit auch größer werden die sich für humanere und umweltverträglichere Wirtschaftspraktiken interessieren.

Der Kern der Sache ist also nicht die Möglichkeit. Es geht viel mehr darum herauszufinden warum wir Menschen so träge und gemächlich alles beim alten lassen. Unser Desinteresse an wirtschaftlicher Gerechtigkeit geht soweit, dass ein Prozent der Menschheit über 99 Prozent des Kapitals verfügt. Und das leider nicht zum Wohle aller. Wir ertragen das einfach, gehen täglich zu unseren Sklaventreibern, kaufen Dinge die weder gut für uns sind noch die wir uns wirklich innig wünschen und die auf eine Weise produziert werden die unsere Welt unwiederbringlich zerstören. Wir haben die Wahl, doch der Trend seit einigen Jahren geht ehr dahin jemand anderen Verantwortung zu nehmen übertragen der für uns die Sache kontrolliert anstatt, dass wir selber aktiv werden für bessere Verhältnisse.

Jetzt am Sonntag ist Europawahl und wir können mit unserem Kreuz die Richtung vorgeben wohin die Reise gehen soll. Mehr Kontrolle durch
Führungspersonen denen wir blind folgen wollen, oder einen Schritt hinaus aus unserer Komfortzone in eine vielleicht bessere Zukunft. Ja, Veränderung bringt Ungewissheit und Gefahr mit sich. Aber verfaulen, verfetten und verblöden schadet uns auch.  Konservativ ist gut wenn Werte geschützt werden wenn auch wert sind geschützt zu werden. Die vorherrschenden Wirtschaftspraktiken sind das nicht.  Wollen wir den Kopf in den Sand stecken oder nicht doch einmal ein kleines bisschen wagen.  „David gegen Goliath“ beschreibt ganz pragmatisch den Weg etwas zu wagen, kreativ zu sein, Verantwortung zu übernehmen, die Welt neu zu gestalten, nicht zu akzeptieren wie die Verhältnisse sind und sein eigenes Leben interessanter zu formen in Gemeinschaft und miteinander an Stelle von gegen den Rest der Welt. Der Titel des Buches ist vielleicht etwas ungeschickt gewählt, denn es geht nicht so sehr darum die Goliaths der Welt zu schaden, sonder die Davids zu ermutigen. 


Das Buch ist ein klimaneutrales Druckprodukt. Erschienen bei Haufe 264 Seiten für 16,95€ mit der Print ISBN 978 3 648 12564 9 und ePub ISBN 978 3 648 12565 6


Freitag, 26. April 2019

Antonio Stella

(Bremen) Italienischer Abend auf der Probebühne Tanz am Theater Bremen, die Leute kommen zu Hauf. Der Raum ist in einem dämmerigen Licht getaucht. Antonio Stella, festes Mitglied der Tanz Kompanie Unusual Symptoms, hockt in der Mitte des riesigen Stuhlkreises zwischen Blumen und Erde. Der Garten seiner Grossmutter aus seiner Heimat Palermo. Hier spielte er mit den Topfblumen als Kind die Situationen nach, wie sie auf den Straßen Palermos üblich waren. Der Ort seiner Jugend und Inspiration. In kleinen Etüden berichtet er von zahlreichen Erlebnissen. Auf der Piazza Politeama in der sizilianischen Hafenmetropole traf er sich mit Altersgenossen und verbrachte seine Jugend. Erste Liebe, Briefe unter Freunden, Träume und Sehnsüchte zu Beginn des Lebens, all das erlebte er dort.

Es ist eine Klubatmosphäre, gleichgesinnte Neugierige haben sich hier versammelt um etwas persönliches über den Menschen zu erfahren der in vielen Tanz Produktionen für sie auf der Bühne steht. Die Leute sind geduldig und gebildet. Denn es dauert einen Moment bis man so richtig versteht worin man gerade eingeweiht wird, und es wird kaum ein Wort deutsch gesprochen; italienisch ist ja wohl so etwas wie die zweite Muttersprache der Deutschen. Die kleinen Anekdötchen wechseln mit Liedern aus der Heimat und/oder seinem Leben, seinem Werdegang als Tänzer. Das Spiel seiner Biografie reichert Stella mit den Gegenständen an die wir alle mit Italien verbinden. Da sind natürlich die Schuhe, Gebäck das Erinnerungen an der Pate aufkommen lässt, genauso das Olivenöl, Sonnenbrille, Dessertwein und Aqua Minerale, und und und…. Jemand erzählt von seinem Leben, aber nicht nur privat, sondern in einer künstlerisch gediegenen Form. Es geht eben nicht nur um die Person, es geht auch darum wie man transkulturell miteinander und aufeinander trifft. Eine sehr herzlichen  Begegnung zwischen denen die Kunst machen und denen die sich ein bisschen mehr dafür interessieren. Und wie der Abend zeigte wurden alle menschlich reich beschenkt. Diese kleinen Veranstaltungen auf der Probebühne sind eine nette Abrundung zum Spielbetrieb, ein grenzüberschreitendes Format.


Es ist die Reihe PB Tanz # bei der sich jedes Mal ein weiteres Mitglied der Tanzsparte auf ganz eigene Art und Weise vorstellt. Das nächste Mal bei PB Tanz #5 stellt sich dann am 19. Juli 2019 Diego de la Rosa vor. Man darf gespannt sein wie das dann wird.

Montag, 22. April 2019

Ich bin nicht dies… ich bin nicht das…

© by Theater Bremen
(Bremen) Der letzte von drei Tagen Tanz im Theater Bremen bildete den krönenden Abschluss mit polaroids:remix von Samir Akika und Unusual Symptoms. Viele haben es schon gesehen und waren begeistert. In dieser Spielzeit wieder aufgenommen und updated sieht man 3 Stunden fulminantes Tanz(Theater).

Der gesamte Theaterraum ist eine riesige Installation. An den Wänden sind Papiere drapiert auf denen Gemälde entstehen, auf dem Boden wird mit weißer Farbe gepunktet, unter der Band ist eine Bar eingerichtet, Stangen, Pinwand, Matratzen; jeder Winkel ist mit etwas eingerichtet. Sogar unter der Bühne im Keller gibt es ein Konzert das per Videoübertragung oben zu sehen ist. Und die gesamte Rauminstallation ist kontinuierlich in Bewegung. Eine stille dynamische Bewegung die ungeordnet wirkt, die alltäglich wirkt, aber bei genauerem hinsehen bis ins Detail durchgestaltet ist. Obwohl nichts dem Zufall überlassen ist, sind die Strukturen so locker, leicht, variabel gehalten, dass eine völlig ungezwungene Atmosphäre herrscht. Beabsichtigt ist, dass Publikum und Akteure sich im Raum vermischen. Dadurch entsteht eine privatere Situation wie auf einer großen Party. Und diese Party ist noch dazu gefüllt mit kleinen Events. Mit einer schier überbordenden Fülle kleiner Perlen aus dem Bereich der Untergrundkunst. Wenn man davon ausgeht Tänzer würden nur tanzen, dann hat man sich schwer getäuscht. Hier wird gesungen, gemalt, gespielt, gesteppt, verkleidet, animiert, rezitiert, performt, kurz es werden alle nur erdenkliche Kunstformen nach vorn gebracht. Und das mit einer Spiellaune die ansteckend und verzaubernd ist. Da spritzt eine Frau mit Quasten Farbe auf eine Folie und der dabei entstehende Klang wird zum Teil der gespielten Musik. Auf dem Boden entsteht eine mit wilden Pinselstrichen gezirkeltes Gemälde. Zum Schluss schreibt einer in großen schwarzen Buchstaben darauf „You belong“, dann wird der Papierstreifen zusammen gedrückt und ein einer Ecke entsorgt. Gemacht und schon vergessen, zugunsten von einer neuen Idee. Und so treibt es von Augenblick zu Augenblick. Es wird im Verlauf des Abends zunehmend wuseliger. Man geht über die Bühne und steht plötzlich nur einen Meter einer Tänzerin gegenüber die mit voller Hingabe und mit Kohle auf dem Boden malt. Die Nähe ist sowohl animierend als auch schockierend, eben tough. Das Ensemble hat diese typische New Yorker Gradlinigkeit und Härte, zielorientiert mit klarem Purpose. So schräg und ausgefallen die einzelnen Aktivitäten auch sein mögen, sie sind so ernst vorgebracht als koste es das Leben. Momente wie dieser sind es die dieses Show so reizvoll machen. 

Kunst zu betrachten hat immer eine Distanz und Rationalität, doch wenn die Distanz fehlt wird der Betrachter involviert oder gefesselt. Das Spiel mit diesen Grenzen ist eine große Kunst. Denn wie leicht kann man die Grenze zwischen den Welten überschreiten, wie leicht fühlt man sich angegriffen, oder greift in die fremde andere Welt störend ein. Doch hier ist es von großem Respekt getragen, von Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme. Die Anwesenden koexistieren so natürlich, dass kleine Kinder durch die Performance laufen, niemand mit Farbe bespritzt wurde, keiner in die Versenkung fiel und auch von keinem Mirkofonständer erschlagen wurde. Das herausstechende Verdienst dieser Produktion ist das verständnisvolle miteinander im künstlerischen Kontext. Da wo man eigentlich eine hohes Mass an Kontrolle erwartet sind die Zügel sehr locker. Dies ist eine künstlerische Qualität die mir am Bremer Theater immer wieder auffällt: Das kreative miteinander über Grenzen und Kulturen hinaus.


Unusual Symptoms an diesem Abend waren Marie-Laure Fiaux, Gabrio Gabrielli, Nora Horvath, Alexandra Lorens, Nora Ronge, Lotte Rudhart, Diego de la Rosa, Karl Rummel, Andor Rusu, Young-Von Song und Antonio Stella. Musiker: Simon Camatta, jayrope und Stefan Kirchhoff. Und ich kann nur jedem wünschen der dieses Spektakel noch mit erlebt hat, dass es weitere Vorstellungen geben wird.
www.theaterbremen.de

Tanz aus Norwegen

© by Theater Bremen
(Bremen) Im Rahmen des jazzahead! Festivals 2019 und in Zusammenarbeit Tanz Bremen präsentierten das Ingun Bjørnsgaard Prosjekt aus Norwegen zwei Choreografien: Notes on Frailty und A List of things he said.

Neben dem Musiker Christian Wallumrød erscheinen die Tänzerinnen Catharina Vehre Gresslien, Marianne Haugli, Guro Nagelhus Schia und Ida Wigdel zwischen einer, sagen wir Art Pförtnerloge und Wartebänken wie aus einem Krankenhaus oder Finanzamt, in der matten Dunkelheit. Musik, das sind in diesem Fall Töne, Geräusche, Klänge die mehr einem situativen Ausdruck entsprechen denn einer offensichtlichen Harmonie. Sie kratzen und quietschen, summen und intervallieren und sind in einer Harmonie mit den Tänzerinnen, die einzelne Klänge fortführen, den Klang durch Geste Nachdruck verleihen und so auf eindringliche Weise ergreifen. Ich kann mich nicht eines Gedankens verwehren: den der bizarren Schönheit die Bürde des Lebens mit Würde zu tragen. Die gestalteten Bilder gehen unter die Haut. Es ist da eine Anmut des Schmerzes, der Zerbrechlichkeit die von vier innerlich starken Frauen gezeigt wird. Man sieht die weibliche Fähigkeit mit mehreren Problemen, und zwar echten Schwierigkeiten, gleichzeitig umzugehen. Eingesäumt werden diese Frauen von einem Kosmos aus Kleidern Signe Vasshus´, die die weibliche Schönheit herauskehrt, die Last, die Abgrenzung, den Reiz und Pragmatismus. Es ist dunkel auf der Bühne und nur hin und wieder überrascht ein heller Ausschnitt. Doch die Frauen stehen meist nur am Rande des Lichts während sie, in manchmal irrsinniger Geschäftigkeit, aktiv voran schreiten. Ist es eine düstere Sicht? Jah, nein! Ist es reale Beschreibung was Frau sein bedeutet? Jah, nein! Es ist vielmehr als eine Schwarzweiß Betrachtung. Frailty ist die Gebrechlichkeit vielleicht als der Gegensatz zur männlichen Beständigkeit? Jah, nein! Mich hat diese Choreografie begeistert und hinterfragend mitgenommen. 


A list of things he said, wenn man die beiden überhaupt miteinander vergleichen sollte, ist ehr quadratisch, synchron und zeigt einige Seiten die man Männern immer gerne zuspricht. Die Tänzer hier sind Ludvig Daae, Erik Rulin, Matias Rønningen und Vebjørn Sundby. Dazu kommt ein virtuos in die Tasten greifender Simon Røttingen. Sind Männer wirklich so planvoll wie hier gezeigt? Schon möglich! Mit einigen humorvollen Momenten ist dieser Teil nicht ganz so tiefgründig wie Notes on Frailty, nichts desto trotz ebenso sehenswert. Und das es dem vollbesetztem kleinem Haus im Theater Bremen gefallen hat bestätigt der begeisterte Applaus.

Of Father an Sons

© by Theater Bremen
(Bremen) Zuerst war ich ein wenig verwirrt. Ist Pink Unicorns ein Stück für Kinder und Jugendliche, oder geht es hier um Homosexuallität und was hat das alles mit Tanz zu tun. Und dann, so Schritt für Schritt, wie ich mich so in die Geschichte hineinziehen ließ, entdeckte ich wieder einmal etwas neues im Theater. Es gibt eben so unendlich viele Wege etwas zu erzählen. Und es ist ungemein hilfreich wenn man sich aus den eingefahrenen Formen heraus bewegt und ganz eigene Mitteilungsformen entwickelt. Dabei ist es die Kunst nicht privat zu werden, sondern etwas zu vermitteln das viele angeht. In diesem Fall das Verhältnis von Vater zu Sohn. Auf der Bühne Alexis Fernandez mit seinem 14 jährigem Sohn Paulo. 

Zu Beginn laufen die beiden am vorderen Bühnenrand auf und ab. Der Einlass ist gewesen, das Spiel hat schon begonnen und die beiden laufen immer noch. Sie laufen nicht um die Wette, sie laufen zusammen. Es ist kein Kräftemessen, es ist auch nicht die Herausforderung des älteren an den Filius. Sie laufen gemeinsam, miteinander, und wenn wir auch nur einen Ausschnitt sehen, so schimmert doch später durch das die beiden durchs Leben laufen, nebeneinander und konkurrenzlos, wie in einer Partnerschaft die auf Augenhöhe funktioniert. Eine Utopie breitet sich aus vor den leicht verwirrten Augen, und wie ein Geheimnis wird so nach und nach der Schleier gelüftet über eine im allgemeinen schwer problembehaftete Beziehung. Die Probleme sind alle da, aber wie sie angegangen werden hat etwas zauberhaftes. Die Fragen die der Junge an seinen Vater stellt über die Welt in die er hineinwächst, und die er sich berechtigt von seinem Vater hineingeführt wünscht, sind nicht nur die Fragen des Sohnes. Der Vater steht mit gleichem Staunen, fragend und forschend da und fühlt die Verantwortung der Erklärung in sich. Hier wird ein Elternteil gezeigt das die Weisheit eben nicht mit Löffeln gefressen hat, der sich nicht zu schade ist sich neben seinen Spross zu stellen um mit ihm gemeinsam in die Welt zu schauen die für seinen Sohn noch so neu ist.


Wenn ich ins Theater Bremen komme, habe ich oft das Gefühl in eine multinationale Gemeinschaft von Künstlern zu kommen die eine hochinteressante wie auch interessierte Sicht auf diese uns allen umgebende Welt zu richten. Offen für neue Ideen und offen für Versuche wie wir als Gesellschaft aller Menschen besser miteinander umgehen können. Sprache ist da immer ein großes Thema. An einem Nachmittag zwischen Brauhaus und Noon höre ich mindestens acht verschiedene Muttersprachen die alle bestens miteinander kommunizieren. In Pink Unicorns wird spanisch gesprochen und die wichtigsten Passagen werden in englischer Sprache eingeblendet. Choreograf Samir Akika der aus Algerien stammt spricht französisch und natürlich die universelle Sprache der Bewegung des Tanzes. Eine Bildersprache die es ganz vergessen lässt nicht jedes Wort zu verstehen, denn man versteht eben doch am besten mit dem Herzen.