Inh. Friedo Stucke, Kastanienbogen 8 in 21776 Wanna  eigene.werte@t-online.de

Freitag, 6. Juli 2018

Marmor in Motion

Venske & Spänle Steinbeisser © by Axel Biewer
(Wilhelmshaven) Zur Zeit da sich pseudosportliche Sesselfurzer wahnsinnig agil fühlen weil sie den überbezahlten Kickern auf dem Rasen nach fiebern beginnt eine sehenswerte  Ausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven die, mit Marmorskulpturen vom Künstlerpaar Venske & Spänle, wesentlich mehr Lebenszeichen zeigen. Sonntag um 11:30 eröffnen Michael Diers und Dr. Marc Wellmann „Übernahme!“ - Bildhauerei, Skultpuren aus weissem Marmor.

Jedes mal wenn ich zu einem Pressetermin der Kunsthalle in die Hafenstadt fahre scheint es mir ein Weg zum Ende der Welt. Wesertunnel, Landstraße die mit Blitzer gespickt zum langsam fahren zwingt, ein Stück Autobahn, und dann die sich endlos hinziehende Ortseinfahrt. Man entfernt sich so weit vom gefühlten Puls der Zeit, dass man kaum noch etwas von Bedeutung erwartet. Doch dann passiert es. Für drei Monate bis zum 30. September 2018 kann man die aus Marmor gehauenen Objekte bewundern. Bewundern ist hier wohl das treffenste Wort. Selbst wenn man „den“ David betrachtet hat man eine unmittelbare Vorstellung von Gewicht, nicht so bei den „Smörfs“, „Helotrophen“ und „Myzoten“ von Venske & Spänle. Die gebürtige Berlinerin Julia Venske und der aus München stammende Gregor Spänle darf man als Meister der Steinbildhauerei beschreiben. Das Künstlerduo kann seit 1997 schon auf über 70 Ausstellungen weltweit zurück blicken. Doch das besondere an ihnen ist nicht unbedingt der Erfolg sondern die überwältigende Transformation von schwerem Marmor in federleichte organische Spezies. Ihr Material ist der Laaser Marmor aus den südlichen Alpen. Im Weißwasserbruch, von wo Venske & Spänle  ihren Marmor beziehen. Das Gestein wird unterirdisch in 100 Meter langen Abbauhallen mit Diamantseilsägen und -schrämmaschinen abgebaut. Die Blöcke sind bis zu 8000 Tonnen, in Worten: achttausend, schwer bevor sie in handelsübliche Blockgrößen formatiert werden. Dann rücken die Bildhauer dem 600 Millionen Jahre alten Stein mit Säge, Bohrer, Meißel, Feile, Poliermaschine und Schleifpapier zu Leibe. Der Stein, schroff, kantig, brüchig, hart und gewichtig wird so gewandelt um weich, leicht, beweglich, glatt, anschmiegsam und lebendig zu wirken.

Doch nicht nur die Eigenschaften sind der Hingucker. Der Ausdruck oder das was der Stein als neue Persönlichkeit annimmt ist das besondere an diesen Arbeiten. Aufgeteilt in drei Gruppen gibt es die Smörfs, welch in Gemeinschaften erscheinen. Sie sind Wesen die sich scheinbar durch den Raum bewegen und überall auf der Welt ein Zuhause gefunden haben. Sie überdauern die Zeit, wandeln sich von persönlichem Besitz zu kulturellem Erbe der Menschheit. Die Myzoten sind Individuen die sich - jede mit eigenem Charakter - in die Höhe streckt. Laaser Marmor hat die gleiche Lichtdurchlässigkeit die der Mensch auch. Mit der polierten Oberfläche gewinnen die Skulpturen so eine organische Lebendigkeit, man möchte sie unwillkürlich ansprechen oder ihnen die Hand schütteln. Anfassen ist übrigens gewünscht und in eine Figur kann man sich sogar hineinsetzen. Als dritte Werkgruppe gibt es die Helotrophen. Diese kleine Wesen benötigen einen Wirt. Man kann sie in den Arm nehmen, sie wohnen in einer Bierkiste, einer Plastiktüte oder einem ausrangiertem Ölfass. Eine weitere  Form, und dies ist noch relatives Neuland in der Bildhauerei, ist die virtuelle Platzierung. An neun Orten in Wilhelmshaven sind QR-Codes verteilt. Über eine App kann man dann vor Ort Skulpturen in Verbindung mit dem jeweiligen Ort erleben. Und anhand von Daten kann man virtuelle Skulpturen mit einem 3D-Drucker in die Wirklichkeit holen.


Neben Ausstellungsführungen mit Christoph Goritz und Radtouren „Auf den Spuren der Smörfs in WHV“ gibt es bis zum Ende der Ausstellung noch Redezeiten, Kunst-Picknick und andere Veranstaltungen. Die genauen Termine und Inhalte werden auf der Seite der Kunsthalle bekannt gegeben. Kunsthalle Wilhelmshaven

Samstag, 30. Juni 2018

Studio Moves der BallettCompagnie Oldenburg

Marié Shimada © Stefan Walzl
(Oldenburg) Die Ballett Compagnie Oldenburg gab gestern einen fantastischen Abend auf der Probebühne 1 in der Cäcilienstr. hinter dem Theater unter dem Titel „Studio Moves“ Das Wetter war schön die Stimmung vor der Premiere der drei Uraufführungen war erwartungsvoll und beschwingt. Doch leider hatte niemand daran gedacht wo das knapp hundertköpfige Publikum Platz nehmen sollte um die Tänzer bei ihrem schaffen zu sehen. Sechs Reihen auf gleichem Level mit dem Tanzboden und zwei auf flachen Podesten. Ab der dritten Reihe konnte man nur in kleinen Sichtfeldern einen Blick auf die Bühne erhaschen.

Penseur, so der Titel des ersten Stücks, dass bis zur Pause dauerte, wurde von Musikern auf der Bühne begleitet. Timothée Cuny der die Musik komponierte sang in französischer Sprache zu den einfühlsamen Klängen von Klavier, Cello und Loop Gerät. Die Choreografie wirkte sehr kraftvoll, gespannt, strotzende Energie und ließ Raum für Assoziationen wie Wut, Enttäuschung und Verzweiflung. Irgendwo war Nebel und zwei Ventilatoren machten Wind, doch durch den kleinen Ausschnitt den ich am Mittelgang hatte, konnte ich das gesamte nie sehen. Man muss sich vorstellen ein Buch zu lesen in dem jede 2. oder 3. oder 4. Seite herausgerissen wurde; Sie verstehen? Man verliert einfach den Faden, bemerkt nur Bruchstücke die aus dem Ganzen heraus genommen wurden. Und wenn ein Tänzer oder eine Tänzerin durch das 2 Meter kleine Sichtfenster huscht erkennt man zwar die kunstvolle Aktivität, aber keinen Sinn, keine Emotion, keine Ästhetik.

Nach der Pause, in der der Raum schön gelüftet wurde, kam die Choreografie von Floriado Komino mit der Tänzerin Marié Shimada und dem Tänzer Lester Rene González Álvarez und dem Stück Palm Trees and Cherry Blooms. Diesmal hatte ich Glück, denn große Teile des Stücks spielten sich direkt vor meinem Bildausschnitt ab. Und ich bin gerne bereit zu gestehen, dass ich voller Bewunderung meinen Hut vor diesen beiden Tänzern und dem Choreografen ziehe. Zwei Fremde aus unterschiedlichen Gegenden der Erde treffen sich und durchleben alle Facetten die Beziehungen zu bieten haben. Komino versteht es mit knappen Bildern eine Welt der Erfahrungen im Betrachter zu erzeugen. Und wie es Chaplin schon herausfand, kann man über die Dinge die schmerzen besser Reflektieren wenn man auch darüber lachen kann. Eine ergreifende Kunst des dramakomischen wurde da von dem Tanzpaar geboten, von dem man sich wünschte alle im Publikum könnten es sehen. Doch spielte sich einiges im Tanz auf dem Boden ab, was nur von der ersten Reihe gesehen wurde und von denen die sich mittlerweile am Rand des Raumes einen Stehplatz ergattert hatten.

Es gab noch eine dritte Choreografie  „Paradigme“ von Maelenn Le Dorze. Und man darf ohne Einschränkung sagen an diesem Abend trat ein stark motiviertes und engagiertes Ensemble auf, welches eine ergreifenden Show zeigte. Nur hatte niemand an die Tribüne gedacht. Warum ich immer wieder darauf zu sprechen komme, es nicht einfach gut sein lassen kann? Weil es den Tänzern und Choreografen gegenüber eine masslose Respektlosigkeit ist. Im Tanz kommt es darauf an präzise zu arbeiten. Genau auf den Takt zu treffen, ja auf einzelne Noten eine Geste beginnen oder enden lassen, ein Lichtwechsel der ein kurzes Bild entstehen lässt muss exakt auf den Punkt kommen. Das erfordert eine besondere Art der Hingabe, ein Commitment, eine Weise in der man sich einer Aufgabe verschreibt um etwas größeres entstehen zu lassen. Und diese Anforderungen hat das Ensemble erfüllt, durch eine lange Ausbildung voller Qualen, täglichen Trainings, ein Leben auf Reisen wie Flüchtlinge im Namen der Kunst, wochen- wenn nicht monatelange Proben, eben eine harte körperliche Arbeit für nur drei Auftritte verzückender Schönheit - und dann stellt niemand die Stühle hin das man es auch sehen kann? Das ist kafkaesk! Und dann das Publikum! Alle gaben berauschenden Beifall - doch wofür? Das Gemunkel über die schlechte Sicht war rundherum Gesprächsthema. Warum aber stand das Publikum nicht auf und forderte eine ordentliche Sitzordnung? Ich frage: wie gering sind die Ansprüche an Kunst und Kultur in diesem Land, wenn stillschweigend alles akzeptiert wird was man so achtlos vorgesetzt bekommt.

Studio Moves gibt es noch heute und morgen Abend. Gehen sie hin, denn es ist ein Erlebnis sofern sie sich einen guten Platz ergattern können.

Freitag, 29. Juni 2018

Keramische Kunst mit kreativem Eigensinn

Isabell Kamp "Every time I reach for you I grab space
instead" © VG Bild-Kunst Bonn
(Oldenburg) Etwas ist immer gesagt wenn Menschen aufeinander treffen. Ob mit Worten oder Blicken oder, wie die Künstlerin Isabell Kamp im Pulverturm am dem 1. Juli zeigen wird, vor allem in der Geste, der unvermeidlichen Körpersprache. Zur Eröffnung der Ausstellung „Capriccio“ am Sonntag um 11:15 bei der Kamp anwesend sein wird, gibt die Kuratorin Dr. Sabine Isensee eine Einführung in die Arbeiten.

„Capriccio“ was auf einen krausen Kopf schließen ließe, einen Kopf der launenhafte, eigenwillige oder auch überraschende Gedanken birgt, kann hier als eine anregende Haltung zu Kommunikation verstanden werden. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Installation „The Conflict“. Hier geht es um Schutz und Verteidigung. Doch die einzelnen Keramiken sind fragil und können gebrochen werden, so wie der Mensch eben auch. Da sind ein Brust- und Rückenpanzer mit Lederriemen verbunden; die wirken als könne man sie wirklich in einer kämpferischen Auseinandersetzung anlegen. Doch schon der erste Hieb würde sie zerbrechen. Dieses Paradox wiederholt sich auch im Schild dem Helm und den Manschetten. Dazu kommt, dass die Teile mit einer Glasur überzogen sind die wie nackte schutzlose Haut wirkt. Die zum Schutz dienenden Elemente sind somit eine Wiederholung der Haut mit ihrer Schutzfunktion selbst. Das kann man als eine Rückbesinnung auf die ureigenen Möglichkeiten des eigenen Körpers verstehen. Oder anders gesagt: Wenn wir Konflikte mit martialischer Waffengewalt als Mittel der Verständigung zu lösen versuchen, warum nicht miteinander kommunizieren mit den Mitteln die uns natürlich zur Verfügung stehen? Das bringt mich dazu das Mobile aus Händen mit dem Titel „Every time I reach for you I grab space insead“ zu erwähnen. Fünf Hände mit unterschiedlichen Gesten schweben federleicht im Raum aufeinander zu und können sich dennoch nie erreichen.

Die Arbeiten von Isabell Kamp haben etwas von Hoffnung, Sehnsucht und Ausweglosigkeit. Sie zeigen beide Seiten der Medaille. Doch zeigen sie sowohl die Schwierigkeiten als auch die Möglichkeiten die in der Kommunikation liegen. Konflikt und Verständigung, Fürsorge oder Manipulation, Respekt oder Macht, Unterstützung oder Beherrschung. Hände, Münder, Arme, Finger oder Worte wie Schrotkügelchen - immer sind es Körperteile, einzeln isoliert zu betrachtende Teile und nie der ganze Körper. Und diese Körperteile wirken real, lebendig als würden sie atmen. Die Farbgebung, die Glasur, die intime Formgebung lassen einen Eindruck von abstossender Schönheit entstehen. Das Ambivalente ist immer mit dabei, die Spannung zwischen Beständigkeit und Zerbrechlichkeit, so wie die Kommunikation zwischen Menschen auch immer aus mitteilen und zuhören besteht. So sind die Keramiken von Isabell Kamp nicht nur Materie sondern fortgesetzte Reflektion, in Ton gebrannte Gestik die sich weiter bewegt.

Die Ausstellungsreihe „Keramik im Pulverturm“ zeigt junge Talente die durch überraschende Positionen beeindrucken. Die Ausstellung kann in der Zeit vom 1. Juli bis zum 12. August Fr. von 14:00 bis 17:00 und Sa./So. von 11:00 bis 17:00 besucht werden. Am Dienstag den 3. 7. findet um 10:15 eine kostenlose Führung mit der Kuratorin statt. Anmeldung bitte unter Tel.: 0441-235 2781. Weitere Führungen mit dem Kunstvermittler Dirk Meyer sind am 8.7. , 22.7. + 5.8. jeweils um 14:00. Zu diesen Führungen, die 3,00€ pro Person kosten, bedarf es keiner Anmeldung. Zur Ausstellung ist ein 80 seitiger Katalog mit vielen wertvollen Informationen erschienen.

Freitag, 15. Juni 2018

Menschen brauchen Raum um zu wirken

Casabinachi, Lauenstein, Vietzke © by Wömpner
(Hannover) Wann waren sie das letzte Mal im Theater und hatten das Gefühl einen rundherum gut gestalteten Abend zu erleben. Am Mittwoch im Theater an der Glocksee mit der Premiere von „Der letzte Nerv“ gab es genau dieses Erlebnis. In einer fiktiven psychosomatischen Klinik treffen Therapeuten und Patienten aufeinander und dringen mit viel Humor und Poesie in die Tiefen von „Bore Out“ und „Orthorexie“. Was sich zunächst vielleicht ein wenig sperrig anhört wurde in der Regie von Lena Kußmann, die bei dieser Projektentwicklung auch den Text verfasste, auf höchst amüsante Weise in Szene gesetzt.

Therapeuten und Patienten werden von den selben Schauspielern dargestellt. Die Unterschiede der beiden Personengruppen sind zuerst klar getrennt, doch schon bald verwischen die Grenzen. Ein Doktor der Klinik ist selbst in Behandlung wegen eben der Beschwerden die er behandelt. Und was sich in den Teambesprechungen der Therapeuten abspielt ist die andere Seite der selben Medaille mit einer bedenkenswerten Konnotation. Es stellt sich schon sehr bald die Frage wer eigentlich nicht an der Welt mit all ihren Anforderungen leidet? Und was kann diese spezielle psychosomatische Klinik in punkto Heilung überhaupt leisten? Läd man hier lediglich seinen Akku wieder auf um bis zur nächsten Kur zu funktionieren?

Theaterthemen sind in unserer Zeit nicht einfach einzugrenzen. Unsere Welt ist systemisch; spricht man über eine Sache so sind zig andere Sachen gleich mit angesprochen. Unsere Welt ist komplex und vielschichtig; jeder kennt den Stress den wir uns aussetzten um allem gerecht zu werden. Und werden wir es nicht, fallen wir in Depression. Das können wir natürlich nicht zugeben, weil scheitern unser Selbstbild und Selbstvertrauen verletzt. Wir sind ständig in Konflikt mit den unzähligen aufeinander folgenden Situationen des Lebens. Wen wundert es da wenn sich die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz wegen psychischer Erkrankungen seit 2006 quasi verdoppelte. Über die Gründe für diese Entwicklung kann man bisher nur spekulieren. Was Theater aber leisten kann, und das ist dem an der Glocksee bemerkenswert gut gelungen, ist, dass die Besucher nachvollziehbare Erfahrungen auf der Bühne sehen und beginnen über sich und ihr Leben zu reflektieren. Und das war dann auch der Tenor der Gespräche nach der Vorstellung draußen in kleinen Gruppen beim Wein in der Abendsonne. Und gelungen ist es dem Ensemble weil sie eine Ebene gefunden haben die sperrigen und peinlichen Momente in Humor zu fassen, so dass sie die Menschen erreichten. Eine Kunst welche dem Theater wieder die Ernsthaftigkeit verleiht schweres leicht zu servieren und es vom Publikum im Herzen nach Hause zu tragen. 

Teil dieser künstlerischen Ebene ist das Lichtkonzept. Der Theaterraum ist ein schwarzer Klotz, doch unsere heutigen Sehgewohnheiten werden massgeblich durch Filme und deren technischen Möglichkeiten geprägt. Um den Erwartungen zu entsprechen ist der Raum hier in verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeteilt. da gibt es drinnen und draußen, private und öffentliche Räume, es gibt Gruppenräume und Traumorte, Arbeitswelten und Kindheitserinnerungen. Die Klinik im eiskalten Neonlicht, die Kneipe mit nikotinverschmierter Glühbirne, die Höhle aus Kindheitstagen im warmen Erinnerungslicht, der Park unter schattigen Bäumen und die Raucherecke in einem feuchten Mauerwinkel. All diese Räume entstehen, natürlich durch das Spiel der Darsteller Helga Lauenstein, Andrea Casabianchi und Jonas Vietzke, aber wesentlich auch durch die wohlüberlegte Beleuchtung von Kiri Müntinga und Julia Schöneberger.

Als einen weiterer Beitrag zu diesem gelungenen Theaterabend darf man die Einbeziehung des Publikums nennen. Wir alle kennen die endlos vielen Versuche den Zuschauer zu involvieren. Das geht so weit, dass bei manchen Vorstellungen niemand mehr zu bewegen ist in der vorderen Reihe Platz zu nehmen. Die aktive Animation, als Betrachter vor Scham eingeschüchtert und fürchtend im Rampenlicht stehen zu müssen, fand nicht statt. Statt dessen öffnete sich das Spiel auf natürliche Weise und glitt zurück in die Fiktion der Bühne, ohne dass man als Zuschauer merkte mitzuwirken und dennoch das Gefühl hatte voll involviert zu sein. Dieses Gefühl von intensivem Erleben kann keine Guckkastenbühne leisten, das ist die Sprache des Films in 3D. Dann findet Theater nicht nur auf der Bühne statt, sondern im Besucher, seiner Welt und seiner Erfahrung. Oder um es mit einem Zitat aus dem Stück zu sagen: „Dinge brauchen Raum damit wir sie wahrnehmen können.“ Und genau dieser Raum wurde hier geschaffen und gegeben. Ich kann „Der letzte Nerv“ nur wärmstens empfehlen. Die Kunst des Theaters atmet hier den Geist des 3. Jahrtausends.

Weitere Termine: 20. und 27. Juni; 7., 8., 12., 14., 15., 19., 21., 22., 26., 28. und 29. September; 3. Oktober 2018 Beginn jeweils 20:00.

Karten unter 0511 - 161 3936 oder www.theaterglocksee.de

Sonntag, 13. Mai 2018

Jung und schön bis in den Tod

Theresa Rose und Simon Elias © Marianne Menke
(Bremen) Am Mittwoch Abend, einen Tag vor Vatertag, einer Zeit mit bestem Wetter für Strassenkaffees, war das Theater am Leibnizplatz fast ausverkauft zur Premiere von „Das Bildnis des Dorian Gray“ in einer Bearbeitung von John von Düffel. Die Geschichte um den Schönling dem das eigene gemalte Portrait zwar altert, er selbst aber nicht, dünkt wie ein Fluch dieses Jahrhunderts permanenter Selbstdarstellung, dem Zeitalter von der Optimierung des eigenen Erscheinungsbildes, von Photoshop und Schönheitschirurgie. Die Textbearbeitung, auch wenn sie dicht am Roman bleibt gibt viele Denkanstösse über die Liebe, das geliebt werden, was man dafür bereit ist zu tun und vor allem welche Grenzen man bereit ist dafür zu überschreiten.

Ich bin sicher, jeder der den Roman von Oscar Wilde gelesen hat kennt auch jemanden der darüber eingeschlafen ist. Die Fülle der Bezugnahme auf Sekundärliteratur, Zeitströmungen, Moden, philosophische Modelle, etc. ist für heutige Lesegewohnheiten eine echte Herausforderung. Das ist keine Literaturkritik, sondern viel mehr der Grund für die Anerkennung einer gelungenen Regie von Julia Redder, die mit dieser Inszenierung ihr Debüt gab. Literatur(ver)inszenierungen sind ja oft sehr text- und somit auch kopflastig. Hier nicht! Und das vor allem weil nicht mit viel Action ein temporeicher Gegenpol geschaffen wurde, sondern auf´s Wesentliche reduziert die Handlung voran getrieben wird. Die Ausstattung von Rike Schimitschek, die hier ebenfalls ihr Debüt gab, sehr einfallsreich, ausladend und gut durchgestylt schafft einen ausgewogenen Fokus neben der spartanischen Bühne und dem zarten in kaum wahrnehmbaren Pastelltönen gesetztem Licht, mit denen die jeweiligen Stimmungen kunstvoll unterstützt werden. Ein sehr gelungenes Ganzes für die anregende Leichtigkeit des Spiels mit oft tiefgründig witzigen dramaturgischen Formen. Die fünf Charaktere sind mit wenig zu klaren Kunstfiguren gestaltet und von dem Ensemble lebhaft in Szene gesetzt. Besonders hervorzuheben ist hier Simon Elias der mit sparsamen Spiel die innere Wandlung des Gray vollzog. 


Die nächsten Vorstellungen sind am 24. Mai, 14. Juni jeweils um 19:30.

Samstag, 24. Februar 2018

Gläser gegen Klimawandel

(Wanna) Mit der Installation: „Klimawandel? So´n Quatsch! Das machen wir später.“ habe ich 2013 eine sogenannte Work in Progress begonnen, eine stets anwachsende Sammlung von Lebensmittelgläsern die in verschiedenen Formen arrangiert werden. Zur Zeit ist die Arbeit noch in Wiesenbach bei Heidelberg in der Galerie des Vereins kgb auf dem Antoniushof zu sehen.

Mit dieser Installation beziehe ich ganz bewusst keine Stellung ob der Klimawandel kommt, da ist oder eine Fiktion ist. Ich rücke den Klimawandel lediglich in einen Betrachtungswinkel der auf Klimakonferenzen und Diskussionen, in Firmenentscheidungen und Flüchtlingscamps, und an verschiedenen anderen Orten der Welt so nicht  gesehen wird. Vorausgesetzt es gibt ihn, den Klimawandel, dann wird er mit jedem Tag, an dem wir nichts (oder nicht genug) dagegen unternehmen, schwieriger aufzuhalten. Ich will eine künstlerische Aufmerksamkeit erzeugen wie groß die Anstrengung sein muss um den Klimawandel aufzuhalten bzw. wieder umzukehren. Um diesen Gedanken auf eine anschauliche und erfahrbare Art darzustellen plane ich für die nächste Ausstellung der Installation eine umfangreiche Dokumentation zu erstellen. Die Installation aus nunmehr schon 3000 Gläsern soll dann zu einer Welle aufgebaut werden. Doch 3000 Gläser sind nicht genug. Das nächste Ziel sind mindestens 5000 Gläser!

Bei der ersten Ausstellung im Wilke Atelier in Bremerhaven hatte ich 174 Gläser zu einem kleinen Haufen aufgestellt, zur 2 Ausstellung auf der ReArt t(W)oo in Ilienworth waren es 381 Gläser, bei der Kap Hoorn Art die 6. in Bremen waren es bereits 1000 Gläser und jetzt in Wiesenbach sind es schon 2500 Gläser. Weitere 500 Gläser stehen schon für die kommende Ausstellung bereit. Die Sammlung soll jedoch solange weitergehen bis die Installation gekauft wird. Die Hälfte des Erlöses spende ich dann an eine Vereinigung die sich in kultureller und/oder künstlerischen Weise gegen den Klimawandel engagiert.

Bisher habe ich selbst Gläser gesammelt, Freunde und Bekannte und Familienmitglieder gebeten auch zu sammeln und bei Ausstellungen Gläserspenden entgegen genommen. So sind die ersten 3000 Gläser zusammengekommen. Doch jetzt wende ich mich an alle die diesen Artikel lesen, an euch, und die weitere Menschen für dieses Projekt begeistern möchten. SAMMELT GLÄSER!!! Ich werde an vielen Stellen in der BRD Sammelstellen einrichten, und freue mich darüber wenn Ihr das auch macht. Bis Ende Februar 2018 können Gläser in der Galerie des kgb Wiesenbach abgegeben werden. Ab sofort sammelt die Keramikerin Angela Färber von der WerkstattGemeinschaft 194 in der Bürgermeister-Smidt-Str. 194, 27568 Bremerhaven die Gläser. Die Werkstatt hat Mittwoch bis Freitag von 11:00 bis 19:00 geöffnet. In der Zeit kann man auch die wunderschönen Töpferwaren anschauen und erwerben. Gesammelt werden alle Lebensmittelgläser mit einem Metalldeckel. Die Gläser werden gespült und poliert und mit einem Label versehen auf dem das Datum der ersten Ausstellung des jeweiligen Glases steht. Die Gläser werden nach der jeweiligen Ausstellung gelagert. Wenn es 10.000 Gläser sind werden die Gläser in einem Happening auf besondere Weise gewandelt, und bei weiteren Ausstellungen in der gewandelten Form ausgestellt.


Wenn ihr Sammelstellen einrichtet oder größere Mengen Gläser spenden wollt könnt ihr mich unter der o. g. email-Adresse erreichen. Über die weiteren Fortschritte mit diesem Projekt werde ich mich von Zeit zu Zeit auf dieser Seite melden. Ich freue mich auf viele Gläser von euch.

Samstag, 17. Februar 2018

Fingerübungen des kreativen Schreibens

(Berlin) Anfänglich hatte ich eine unbestimmte Abneigung gegen das Buch aus dem Duden Verlag. Doch dann, weil es meine sentimentale Ader ansprach, ließ ich mich ein kleines bisschen darauf ein. Ich habe eine Neigung zu haptischen Erlebnissen. Und die Beschreibung darüber wie man seinen Schreibplatz einrichten möge, verleitete mich dazu mit einer wachsenden Neugier zu lesen. 

Ich bevorzuge eine andere Richtung des kreativen Schreibens. Eine Richtung in der es viel darum geht wie man die beiden Hirnhälften in den kreativen Prozess einbezieht. Hanns-Josef Ortheil schreib nicht ein einziges Wort darüber. Und im Literaturverzeichnis finde ich auch keine Erwähnung eines dieser Bücher, die ich bereits wissbegierig verschlungen habe. Und ehrlich gesagt die Unzahl von Schreibaufgaben die einen Schriftsteller aus mir machen können, kann ich auch nicht mehr ausstehen. Aber Ortheil gibt einen etwas anderen Ansatz den ich so noch nicht gesehen hatte, den handwerklichen Ansatz. Die Fähigkeit lesen und schreiben zu können einmal vorausgesetzt geht es darum wie man diese Werkzeuge für das Schreibhandwerk benutzt. Die kleine Verbindung zwischen dem Wissen wie man einen Satz mit Punkt und Komma bildet und dem wie man etwas ureigenes erzählt. Das ist nicht die Fortführung der Kenntnisse darüber wie ein Aufsatz geschrieben wird, sondern wie ich aus mir genau das heraus bringe - was ich zu sagen habe. Der Autor Hanns-Josef Ortheil kennt mich nicht und kann in Folge dessen auch nicht eine persönliche Beratung geben. Er findet aber in den 25 Schreibübungen einen Ton der sowohl präzise ist in der Anleitung, als auch frei in der Ausführung wie ich die Übungen machen kann.

Dabei folgt er einer wenig strengen, aber konkreten Didaktik. Er beginnt mit dem Arbeitsplatz, der Zeiten, den Geräten um so ein Raum-Zeit-Kontinuum zu etablieren. Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, man muss sich für das Schriftstellerleben entscheiden. Das Buch trennt zwischen den Zeilen sofort zwischen gefühlsduseligen Möchtegernschreibern und denen die es ernst meinen. Sollten sie vorhaben im geschützten Kreis einer Handvoll Freunde in ihrer Freizeit einmal eine Geschichte zu schreiben, dann lassen sie dieses Buch im Laden stehen. Gehen sie lieber für die 14,95€, die sie für dieses Buch gezahlt hätten, mit ihrem Partner ein Eis essen und erfreuen sie sich an der Schlagsahne die andere kunstvoll schlagen. Falls sie aber bereit sind ihr Leben umzukrempeln um feste Schreibzeiten einzurichten, wenn sie bereit sind täglich zu schreiben, auch wenn die Mutter stirbt oder ihre Kinder eingeschult werden, wenn sie bereit sind in ihrer Freizeit einsame Stunden für die Arbeit am Text einzulegen, wenn sie bereit sind Exkursionen zu unternehmen die nur Gleichgesinnte verstehen mit denen sie evtl. weder verwandt noch befreundet sind, dann ist dieses Buch eine sehr lohnende Quelle hilfreicher Anleitungen.

Das Buch gibt so gut wie keinen philosophischen Überbau. Hier nimmt man den Stift in die Hand und bringt die Tinte aufs Papier. Dies ist eine weitere starke Komponente die das handwerkliche an diesem Buch ausmacht. Die Möglichkeit mit Computer zu arbeiten wird kaum erwähnt. Können sie natürlich machen; aber es geht darum die Hände in den Dreck zu stecken, das Ergriffene zu kneten um dann mit schwarzen Rändern unter den Nägeln etwas zu Papier bringen was Bestand hat, etwas Wahres, etwas dass es lohnt geschrieben und gelesen zu werden. Und das ist nicht inhaltlich gemeint sondern handwerklich literarisch. Meiner Meinung nach z.B. hat Rosamunde Pilcher inhaltlich den größtmöglichen Scheiß geschrieben aber auf eine literarisch anspruchsvolle Art. Also welchen Stuss oder welches Banalgefasel sie nach dem Studium dieses Buches auch verzapfen, er kann sehr anspruchsvoll niedergeschrieben sein. Und das halte ich für einen weiteren Vorteil dieses Buches. Die klare Trennlinie zwischen dem was man schreibt und wie man es schreibt. Diese Entscheidung liegt und bleibt ausdrücklich bei ihnen. Ohne auf Kreativität in jedem Kapitel hinzuweisen gibt Ortheil die Schlüssel in die Hand der Leser zu lernen sie anzuwenden. Das ist ein großes Geschenk.

Der Titel: „Mit dem Schreiben anfangen“ deutet auf Grundlagen. Diese Grundlagen sind schon sehr weitreichend. Ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich behaupte man könne sich ein bis zwei Jahre intensiv mit diesen Übungen beschäftigen, ungeachtet dessen ob man den ganzen Tag Zeit hat oder nur einige Stunden täglich abzweigen kann. Und die Übungen geben auch ein abgerundetes Bild dessen was man braucht um erste Texte, kleinere und größere, zu verfassen. Man darf aber nicht vergessen, die Kunst zu schreiben geht noch viel weiter. Wenn man sich intensiv mit den Aufgaben die Ortheil vorschlägt beschäftigt, und erste Texte verfasst, wird sich schnell die Neugier einstellen andere künstlerische Fragen des Schreibens zu klären.

ISBN 978-3-411-74904-1

Freitag, 16. Februar 2018

Entwurf für neuen Lebensraum

(München) Im vergangenen Jahr hat der Oekom Verlag, die Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, das Buch von Ralf Otterpohl“Das Neue Dorf“ herausgegeben. Vielfalt leben, lokal produzieren und mit Natur und Nachbarn kooperieren sind die Schlagworte dieser Veröffentlichung. Ralf Otterpohl leitet an der TU Hamburg das Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz, und lehrt dort u.a. ländliche Entwicklung und „Eco Town Design“. Ausserdem hat er vielfältige dezentrale Abwassersysteme gebaut, ist ein Pionier der „Terra Preta Sanitation“ und hat das Konzept des „Neuen Dorfes“ entwickelt.

Auf 180 Seiten findet man hier ein umfangreiches Kompendium ökologischer Vorschläge eines neuen, oder wiedererstehenden Lebensentwurfs. Denn um es auf den Punkt zu bringen bedarf es nicht vieler Worte. Was in den 80er und 90er Jahren in der BRD als Alternatives Leben bezeichnet wurde, erfährt in diesem Buch mit aktuellen Erkenntnissen ein Upgrade. Oder, was in den 80ern begonnen wurde ist vielleicht zum großen Teil in Vergessenheit geraten, weil es sich nicht so schnell durchsetzen konnte wie die beteiligten Personen daraus herausgewachsen sind, erlebt nun eine Wiederentdeckung und Weiterentwicklung. Es werden sehr viele praktikable Beispiele für einen besseren Umgang mit der Natur angeführt und auch mit weiterführenden Informationen abgerundet. Dennoch muss man sagen, und der Autor benennt es auch an einigen Stellen, das Problem sind nicht die Möglichkeiten, sonder der Mensch selbst. Offensichtlich gibt es genügend erprobte funktionierende Alternativen dazu die Welt als einen riesigen Müllhaufen zu betrachten, aber es fehlt einfach der Wille der Menschen erwachsen und verantwortungsbewusst zu werden. Die Lektüre erschöpfte mich mit einer schier nicht enden wollenden Flut sehr nützlicher und wertvoller Informationen, und stieß mich immer wieder auf die Frage wer das alles umsetzen will und wie. Es geht nicht darum die alternativen Möglichkeiten aufzulisten, sondern einen Weg zu finden wie diese Möglichkeiten von der Menschheit praktiziert wird und zwar auf Dauer, auf die Dauer mehrerer Generationen. Das Buch schreit förmlich nach einer ökologischen Soziologie und ökologischen Weltwirtschaft. Wenn es keine ernsthaften Bemühungen, auch von staatlicher Seite, gibt unsere Werte und Lebensentwürfe neu zu formulieren, dann brauchen wir dieses Buch nicht. Andererseits ist dieses Buch aber ein wertvoller Beitrag dazu um Werte und Lebensentwürfe neu zu überdenken und zwar von jedem Einzelnen. Es zu lesen lohnt sich.

Ralf Otterpohl - Das Neue Dorf 
Oekom Verlag ISBN 978-3-96006-013-0

20,00€

Freitag, 9. Februar 2018

Der Wert der Arbeit

(Oldenburg) Die Automation der Arbeit macht den Menschen als Arbeiter immer wertloser. Viele Menschen, ob Soziologen, Politiker, Arbeitslose, Manager und selbstverständlich Künstler, beschäftigen sich mit der Frage, welchen Wert die ersten für immer aus dem Arbeitsprozess herausgenommenen Körper haben? Wenn Arbeit unseren Lebensstatus definiert, wenn wir persönliche Anerkennung darüber erlangen ob wir arbeiten und wie wir dafür entlohnt werden; was geschieht dann mit den Menschen - die wir als Gesellschaft - nicht mehr im Arbeitsprozess eingliedern können? Und die die noch arbeiten, welchen Wert hat deren tägliche Verrichtung für sie persönlich - abgesehen von der Entlohnung? Die flausen+ Stipendiaten im Oldenburger Theater Wrede+ forschten in den vergangenen vier Wochen unter dem Titel Actions for the worthless Body. Mittwoch Abend war die öffentliche Darbietung der Forschungsergebnisse der Stipendiaten: Christopher Gylee, Richard Aslan, Ana Berkenhoff und Alexander Carillo.

flausen+ young artists in residence ist ein vom Theater Wrede+ ins Leben gerufenes Forschungs- und/oder Weiterbildungsprogramm. In allen Bereichen der Arbeitswelt gibt es Weiterbildung. Den Anspruch auf Bildungsurlaub mit z.T. gut geförderten und weit gefächerten Angeboten sollte jedem ein Begriff sein. In den darstellenden Künsten ist so etwas allerdings eine Seltenheit. Die Bühnenkünstler stehen in extremen Produktionsstress zu oft extrem schlecht finanzierten Projekten - die mit einem aussergewöhnlich hohem Mass an Engagement und Herzblut der Künstler realisiert werden. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in den freien Darstellenden Künsten liegt ca. 60% unter dem bundesweitem durchschnittlichen Jahreseinkommen welches von der Deutschen Rentenkasse für 2017 ermittelt wurde. Darüber hinaus verfügen die Freien selten über eigene Produktionsstätten. Sie sind auf Kooperationen mit freien Theaterhäusern angewiesen. Das bedeutet nicht nur eine große Flexibilität in künstlerischen Fragen und eine über Gebühr hohe Kompromissbereitschaft, sondern auch die Bereitschaft quasi heimatlos umherzuziehen. Diesen ehr getrieben Künstlern stehen in diesem Jahr sechs Forschungsstipendien zur Verfügung. In vier Wochen können die Gruppen ohne Leistungsdruck forschen: an einer bestimmten Frage, an ihrem künstlerischem Stil, an neuen Theaterformen, also an den Themen denen sie sonst kaum oder keine Zeit widmen können. Und das es dafür eine begründete Nachfrage gibt zeigen schon allein die 170 Bewerbungen die auf diese sechs Stipendien gestellt wurden.


Beim #33 making off, der Schlusspräsentation, sind zwei Sachen die ich besonders hervorheben möchte die Simplizität der Arbeitsweise und die Art der Fragestellung. Mit der beginnenden Frage, „Was macht der Körper wenn er arbeitet?“ stellten sie sich den Regieanweisungen aus Theaterstücken wie z.B.: …trägt ein Tablett, …hält einen dünnen Stab oder ähnliche Anweisungen. Die aus dem Kontext gerissene Anweisung steht nun nur noch als Handlung isoliert. Der Ausdruck auf eine Aussage die dem jeweiligen Stück entspräche entfällt.  Wenn man zuviel Bedeutung in eine Frage steckt, dann legt man das Ergebnis quasi von vornherein fest. Der Forscher ist eben immer auch Teil der Forschung. Um etwas neues zu erfahren haben sich die Akteure mit einer Fülle von Fragen beschäftigt. Im Prozess, diese Fragen auf der körperlichen Ebene zu erfahren, durch häufige Wiederholung haben sie das erreicht. Bei jeder Wiederholung entstehen kleine Abweichungen, folgt man denen, hat man die Chance sich auf unbekanntes Gebiet zu begeben. Und offensichtlich ist es dieser Forschungsgruppe gelungen in dem aus den schlichten Regieanweisungen dynamische Prozesse, die wie eine intelligent gestaltete Szene wirken, entstanden. Das Feedback aus dem Publikum des Abends zeigte dann auch wie ergreifend und vielschichtig und auch ähnlich die Szenen erfahren wurden. Der Arbeitsprozess ist in etwa nachzuvollziehen wenn man sich das Logbuch betrachtet, das die Gruppe während der vierwöchigen Arbeit täglich geführt haben. (www.flausenblog.de) Die Stärke dieser Arbeit liegt in der Einfachheit, die offensichtlich nicht zu endlosen Diskussionen führte, sondern auf der darstellerischen und körperlichen Ebene kommuniziert wurde. Eine weitere bemerkenswerte Qualität dieser Gruppe liegt somit in deren künstlerischen Freiheit, die ein Handeln mit wenigen Filtern gleichkommt; der Freiheit etwas unverblümt darzustellen um dann selber zu schauen was es ist. Once we were Islands sind Christopher Gylee und Richard Aslan. Sie kennen sich über ein Netzwerk für Künstler und haben schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Für dieses Forschungsprojekt haben sie sich mit Ana Berkenhoff und Alexander Carillio zusammen beworben, und auch zum ersten Mal gemeinsam gearbeitet.