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Freitag, 15. Juni 2018

Menschen brauchen Raum um zu wirken

Casabinachi, Lauenstein, Vietzke © by Wömpner
(Hannover) Wann waren sie das letzte Mal im Theater und hatten das Gefühl einen rundherum gut gestalteten Abend zu erleben. Am Mittwoch im Theater an der Glocksee mit der Premiere von „Der letzte Nerv“ gab es genau dieses Erlebnis. In einer fiktiven psychosomatischen Klinik treffen Therapeuten und Patienten aufeinander und dringen mit viel Humor und Poesie in die Tiefen von „Bore Out“ und „Orthorexie“. Was sich zunächst vielleicht ein wenig sperrig anhört wurde in der Regie von Lena Kußmann, die bei dieser Projektentwicklung auch den Text verfasste, auf höchst amüsante Weise in Szene gesetzt.

Therapeuten und Patienten werden von den selben Schauspielern dargestellt. Die Unterschiede der beiden Personengruppen sind zuerst klar getrennt, doch schon bald verwischen die Grenzen. Ein Doktor der Klinik ist selbst in Behandlung wegen eben der Beschwerden die er behandelt. Und was sich in den Teambesprechungen der Therapeuten abspielt ist die andere Seite der selben Medaille mit einer bedenkenswerten Konnotation. Es stellt sich schon sehr bald die Frage wer eigentlich nicht an der Welt mit all ihren Anforderungen leidet? Und was kann diese spezielle psychosomatische Klinik in punkto Heilung überhaupt leisten? Läd man hier lediglich seinen Akku wieder auf um bis zur nächsten Kur zu funktionieren?

Theaterthemen sind in unserer Zeit nicht einfach einzugrenzen. Unsere Welt ist systemisch; spricht man über eine Sache so sind zig andere Sachen gleich mit angesprochen. Unsere Welt ist komplex und vielschichtig; jeder kennt den Stress den wir uns aussetzten um allem gerecht zu werden. Und werden wir es nicht, fallen wir in Depression. Das können wir natürlich nicht zugeben, weil scheitern unser Selbstbild und Selbstvertrauen verletzt. Wir sind ständig in Konflikt mit den unzähligen aufeinander folgenden Situationen des Lebens. Wen wundert es da wenn sich die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz wegen psychischer Erkrankungen seit 2006 quasi verdoppelte. Über die Gründe für diese Entwicklung kann man bisher nur spekulieren. Was Theater aber leisten kann, und das ist dem an der Glocksee bemerkenswert gut gelungen, ist, dass die Besucher nachvollziehbare Erfahrungen auf der Bühne sehen und beginnen über sich und ihr Leben zu reflektieren. Und das war dann auch der Tenor der Gespräche nach der Vorstellung draußen in kleinen Gruppen beim Wein in der Abendsonne. Und gelungen ist es dem Ensemble weil sie eine Ebene gefunden haben die sperrigen und peinlichen Momente in Humor zu fassen, so dass sie die Menschen erreichten. Eine Kunst welche dem Theater wieder die Ernsthaftigkeit verleiht schweres leicht zu servieren und es vom Publikum im Herzen nach Hause zu tragen. 

Teil dieser künstlerischen Ebene ist das Lichtkonzept. Der Theaterraum ist ein schwarzer Klotz, doch unsere heutigen Sehgewohnheiten werden massgeblich durch Filme und deren technischen Möglichkeiten geprägt. Um den Erwartungen zu entsprechen ist der Raum hier in verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeteilt. da gibt es drinnen und draußen, private und öffentliche Räume, es gibt Gruppenräume und Traumorte, Arbeitswelten und Kindheitserinnerungen. Die Klinik im eiskalten Neonlicht, die Kneipe mit nikotinverschmierter Glühbirne, die Höhle aus Kindheitstagen im warmen Erinnerungslicht, der Park unter schattigen Bäumen und die Raucherecke in einem feuchten Mauerwinkel. All diese Räume entstehen, natürlich durch das Spiel der Darsteller Helga Lauenstein, Andrea Casabianchi und Jonas Vietzke, aber wesentlich auch durch die wohlüberlegte Beleuchtung von Kiri Müntinga und Julia Schöneberger.

Als einen weiterer Beitrag zu diesem gelungenen Theaterabend darf man die Einbeziehung des Publikums nennen. Wir alle kennen die endlos vielen Versuche den Zuschauer zu involvieren. Das geht so weit, dass bei manchen Vorstellungen niemand mehr zu bewegen ist in der vorderen Reihe Platz zu nehmen. Die aktive Animation, als Betrachter vor Scham eingeschüchtert und fürchtend im Rampenlicht stehen zu müssen, fand nicht statt. Statt dessen öffnete sich das Spiel auf natürliche Weise und glitt zurück in die Fiktion der Bühne, ohne dass man als Zuschauer merkte mitzuwirken und dennoch das Gefühl hatte voll involviert zu sein. Dieses Gefühl von intensivem Erleben kann keine Guckkastenbühne leisten, das ist die Sprache des Films in 3D. Dann findet Theater nicht nur auf der Bühne statt, sondern im Besucher, seiner Welt und seiner Erfahrung. Oder um es mit einem Zitat aus dem Stück zu sagen: „Dinge brauchen Raum damit wir sie wahrnehmen können.“ Und genau dieser Raum wurde hier geschaffen und gegeben. Ich kann „Der letzte Nerv“ nur wärmstens empfehlen. Die Kunst des Theaters atmet hier den Geist des 3. Jahrtausends.

Weitere Termine: 20. und 27. Juni; 7., 8., 12., 14., 15., 19., 21., 22., 26., 28. und 29. September; 3. Oktober 2018 Beginn jeweils 20:00.

Karten unter 0511 - 161 3936 oder www.theaterglocksee.de

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