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Dienstag, 8. August 2017

Grenzen sprengende Inszenierung an der Glocksee

© by Jonas Wömpner
(Hannover) Am vergangenem Samstag hatte das Ensemble am Theater an der Glocksee Premiere mit der Uraufführung des Stücks „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“ Das Theater war schon am Vortag bis auf den letzten Platz ausverkauft, und das Publikum wurde mit einer starken Inszenierung über Ausgrenzung und Schutz der Identität überrascht. Das engagierte Ensemble hatte sich diesem nur schwer zugänglichem Thema intensiv genähert, das Publikum schon im Probenprozess mit eingebunden und so ein beeindruckendes Bild entworfen. Der lang anhaltende Schlussapplaus zeigte wie dieses theatrale Wagnis aufging. 

Die Parolen der Identitären sind so unfassbar dumm, widersprüchlich, inhuman und aus einer infantilen Angst geboren, die nicht einmal im Entferntesten Kultur und Zivilisation entsprechen. Vielleicht ist diese Reaktion aus der Unfähigkeit oder Verantwortungslosigkeit geboren, mit denen die führenden Politiker Europas, oder sogar weltweit, ihren Wählern begegnen, mit der sie um jeden Preis alle auch noch so abstrusen Forderungen der Wirtschaft Raum geben und gnadenlos durch setzen. Man beachte nur dass die derzeit diskutierten internationalen Handelsabkommen, wie z.B. Ceta und TTIP, die Rechtsstaaten ad absurdum führen. Wenn die Wählerschaft mit nur marginalen Informationen gefüttert wird ohne dass diese sich ein begründetes Urteil bilden kann, sollte es doch niemanden wundern, wenn sich ein Gefühl der Ohnmacht und Unverstandenheit ausbreitet; der Nährboden für krudes Gedankengut wie es dann z.B. durch protektionistischen Gruppierungen wie die Identitären, Pegida oder der AfD gespiegelt wird. Menschen die nur innerhalb ihres eigenen Tellerrands ihren geistigen Blick schweifen lassen, werden kaum in der Lage sein verwertbare Schlüsse auf das politische Gefüge des eigenen Landes, und schon gar nicht Europas, zu ziehen. Dieses inzestuöse Gedankengut, in dem sich durch einzelne Parolen viele Menschen die sich zurückgelassen fühlen wiederfinden, bietet nur wenig Angriffsfläche und wuchert in seiner glitschigen Erscheinungsform im diffusen Meinungssumpf auf der Ebene von Tratsch und Klatsch - jedoch nicht auf der Ebene einer erwachsenen politischen Auseinandersetzung und Lösungsfindung der realen Probleme unserer Zeit. 

Man kann unumwunden und voller Respekt den Hut ziehen wie das Ensemble vom Theater an der Glocksee den Mut aufbrachte so ein Thema zu bearbeiten. Denn im Theater, in der Dramaturgie, braucht es einen Schurken (oder Protagonisten) der sich im Laufe des Stücks wandelt. Doch hier ist der Protagonist einfach nicht zu greifen. Es gibt kein klares Bild, vielleicht mehr ein System, oder ein inneres unreflektiertes Gefühl, eine auf schlecht informierter Basis gebildete Meinung, eben etwas Diffuses. Oder wie sonst sollte man ein Gedankengut bewerten dass einen sogenannten „großen Austausch“ befürchtet. Das ist mindestens so aus der Luft gegriffen wie seiner Zeit die Angsttreiberei vor den Juden. Ebenso wie die Reaktion Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer zu versenken damit die Flüchtlinge ertrinken mögen um das Problem so zu lösen. Mit dieser Theaterproduktion gelangt das Ensemble an der Glocksee an die Grenzen der Kommunikationsform des Theaters selbst. In der Vergangenheit konnte man große politische Bewegungen an einzelnen Personen darstellen, wenn man z.B. an Schillers Wallenstein oder Büchners Danton denkt. Doch dieses Thema begründet nicht auf einen Schuldigen/Schurken/Leidenden, Das Thema ist mehr eine notwenige Bewusstwerdung, einer ernsthafteren Beschäftigung mit den Strömungen unserer Zeit. Vielleicht ist sogar der Gang zur Wahlurne erst möglich, wenn man ein intensives Studium der Verhältnisse absolvierte, um nicht als mündiger Demokrat und Wähler ein Spielball von geschickten Werbestrategien zu werden. 

© by Jonas Wömpner
Um dieses Myzel gesellschaftlicher Meinungsbildung zu greifen hat die Regisseurin Milena Fischer aus drei Ressourcen eine Beschreibung geflochten die sich wie ein komplexer Gedanke über den gesamten Abend spannt. Die Geschichte die durch den Abend führt ist „Der Bau“, eine unvollendete Erzählung von Franz Kafka. Diese Fabel um einen Dachs in seinem Bau, verbindet sie dann mit Aussagen aus David Finchers Film „Fight Club“ in der die empfundene Ohnmacht durch extreme Reaktionen, wie eben Faustkämpfe, kompensiert wird. Die dritte Zutat in diesem Cocktail sind Zitate aus den aufkeimenden rechten Bewegungen wie z.B. den Identitären. Ein Gefühl von Heimat wird gezeigt, seine berechtigte Verbundenheit damit und auch die manipulative Nutzung des Heimatgefühls. Fischer legt hier eine Arbeit vor die über mehrere Jahre intensiver Recherche entstanden ist, und man spürt das Herzblut mit dem das Stück geschrieben wurde. Während der Probenwochen gab es drei Treffen im Theater, in der das Ensemble eine wechselnde Gruppe besonders interessierter Theatergänger einlud um sie im Entstehungsprozess einzubinden und zur mitwirkenden Kritik ermunterte. So entstand auf vielen Ebenen eine künstlerische Arbeit die auf ähnlichen Wegen geformt wurde wie das Thema sich selbst zeigt, systemisch und gemeinschaftlich/gesellschaftlich.

Der Schritt von der komplexen Idee in die praktische Handlung des Theaters wurde hier mit einem treffenden Bild vollzogen (Bühne von Britta Bremer). Der Theaterboden war mit Rindenmulch abgedeckt, so entstand sofort der Eindruck, man befände sich im Wald. Die diffuse Beleuchtung, die Anordnung der Tribünen, die karge, urbane Gestaltung des Raums selbst weisen auf das Innere eines unterirdischen Baus. Wie ein vielschichtiger lebendiger Organismus erzählt dann der Dachs, gespielt von Yves Dudziak, Lena Kußmann und Jonas Vietzke, als choreografierte, dynamische Einheit von seinem Bau. Man wird in einer Mischung aus Spannung, eruptiven Wechseln, und stillen, einkehrenden Momenten in das Geschehen hineingezogen. Die Grenze zwischen Zuschauer und Bühnengeschehen wird dünn, löst sich zuweilen auf, und man kann nicht länger als Betrachter nur da sitzen, man ist involviert. Diesen schmalen Pfad, zwischen professioneller Darstellung eines theatralen Moments und der konkreten Einbindung der Zuschauer, wanderten die drei Akteure mit sicheren Schritten. Eine gelungene Einladung die eigene Distanziertheit abzulegen um Teil eines größeren Ganzen zu werden. Und das ist auch die Empfehlung die hier ausgesprochen werden darf: Verpassen sie nicht die Begegnung mit diesem Stück und der daraus sicher folgenden Diskussion über die Verantwortung die jeder von uns trägt.


„Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“. Kostüme Hanna Peter, Choreografie Henrik Kaalund. 
Siehe auch: Fight Club Dachs
Weitere Vorstellungen:  09., 11., 12., 16., 18.,19., 23., 26. August und 06., 09., 20., 22., 23. und 27. September 2017 Beginn jeweils 20:00 
Kartenreservierungen zu 14,00€ und 10,00€ unter Tel.: 0511 - 161 3936 oder über: www.theater-an-der-glocksee.de

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