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Dienstag, 13. März 2012

„Verbrennungen“ im Stadttheater Bremerhaven

(Bremerhaven) Auf der Hinterbühne des großen Hauses wird vor 200 Zuschauern zeitkritisches Theater gezeigt. Mit großem Aufwand und technischem Ideenreichtum versucht sich Tobias Rott an Wajdi Mouawads Stück „Verbrennungen“. Das Ensemble stemmt einen beachtlichen Kraftakt. Bravorufe und Verständnisfragen hielten sich die Waage.

Anderas Möckel, Sebastian Zumpe, Mira Tscherne
„Verbrennungen“ (Incendies) ist der zweite Teil aus einer Tetralogie in der Mouawad sich mit Themen von Exil und Ursprung beschäftigt. Der erste Teil lautet „Küste“ (Littoral)  der Dritte „Wälder“ (Forets) und der Letzte „Himmel“ (Ciels). Mouawadi ist künstlerischer Leiter im Theatre Francais am Centre National des Arts in Ottawa und arbeitet weiterhin als Schauspieler/Autor und führt weltweit Theaterregie. Er ist selbst im Alter von 9 Jahren mit seiner Familie 1977 aus dem Libanon emigriert.
Nawal (Kika Schmitz) vererbt ihren Zwillingen (Mira Tscherne, Sebastian Zumpe) die Aufgabe ihrem Bruder und Vater, von denen dieses keine Kenntnis hatten, jeweils einen Brief zu übergeben. Sie machen sich auf den Weg zurück in die Vergangenheit durch die Wirren des Bürgerkriegs im Herkunftsland ihrer Eltern. Nachdem sie Schritt für Schritt auf den Kern ihrer Herkunft kommen überreichen sie neugeboren die auferlegte Pflicht. „Jetzt, da wir zusammen sind, geht es besser.“ Die unbeugsame Liebe der Mutter löscht die schwersten Verbrennungen in den vom Krieg geschundenen Seelen.
Die Inszenierung ist so vielschichtig und kontrovers, dass man sie nicht mit drei von fünf Popcorntüten bewerten kann. Es geht von formidabel bis armselig, von raffiniert bis achtlos und von Hoffnung bis no future. Jedoch die menschliche Ebene mit ihren mannigfachen Ausformungen kommt viel zu kurz. Zu schnell kommen die Charaktere zur niedrigsten Problemlösung: schreien oder sich sonst wie aufregen. In einer globalen Welt, ob man sie nun mag oder nicht, ist es erforderlich sich auch mit anderen kulturellen Wegen zu beschäftigen, sonst folgt Tragödie auf Tragödie, ein dualistischer Teufelskreis. Im Theater muss der Versuch einer Lösungsfindung unternommen werden, und sei sie noch so utopisch. Doch in dieser Inszenierung überwiegt die journalistische so-ist-es-Abbildung. Ja, dafür reicht eine Zeitung!
Es ist eine Meisterleistung für die Theatertechnik: verschieden Medien, dazu Licht, Ton und mehrere Bühnenebene die sich heben und senken und abkippen. Ständig ist etwas in Bewegung. Davor muss man den Hut ziehen. Die Souffleuse sitzt als „Statistin“ mit im Bild und die Bühnenarbeiter treten aus dem dunklen Hintergrund, wandeln und bauen vor aller Augen die Einrichtungen um. Es ist ungewohnt und interessant anzuschauen, nur dem Stück dient es nicht sonderlich.
Isabel Zeumer, Mira Tscherne, Meret Mundwiler
Die Hinterbühne ist als Ort interessant. Die Zuschauer werden in einen Bereich geführt der ihnen fremd erscheint. Die enorme Höhe und Weite, beides verliert sich im Schwarz, im Ungewissen. Der Raum selbst ist schon eine Metapher für den Ort des Stücks. Doch das Bühnenbild von Eva Humburg, ist nichts weiter als eine konzeptionelle Materialsammlung: Bilder, Fotos, Karten sind hübsch dekorativ an die seitlichen Hintergründe geklammert, erzählen aber keine Geschichte. Plastikkisten und Wäschekörbe stehen wer weiß wie gruppiert um die Tische. Es sind Behälter um Requisiten zu verbergen, aber warum so versteckt? Es mag alles sehr clever durchdacht sein, aber das Konzept erschließt sich nicht dem Betrachter.
Die Schauspieler kann ich trotz ihrer starken Leistung nicht hervorheben, weil sie zu sprechenden Köpfen reduziert sind und damit weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Das die Geschichte einzelner Personen ein Bild für alle ist, ist jedem Theatergänger bekannt. Es ist sinnlos die Charaktere zu entpersonifizieren.  Viele Textpassagen ziehen sich bleiern dahin verursachen gähnen unter den Zuschauern. Es fehlt die Handlung in der Inszenierung. Und es fehlt an Klarheit um die Zeitsprünge und Ortswechsel nachvollziehen zu können. Nur wer vertraut ist mit Kunstfilmen, die in Bremerhaven nicht gezeigt werden, weder im Kino noch auf Arte, kann der Erzählstruktur folgen.
Ein erdrückendes Konzept einerseits und bis zum Erbrechen reduziert ist das Spiel. Immer wieder nehmen die Schauspieler fixe Positionen ein, körperlich oder mit eintönigem Duktus, und sondern ermüdend ellenlange Infos ab. Andererseits kann man darin den Versuch sehen, der Regisseur wollte sich dem Thema sachlich nähern. Doch ließe man die technischen Bewegungen fort, die immer nur von Szene zu Szene leiten, dann könnte man besser ein Buch lesen und jeder würde sich eigene Gedanken machen. Wozu einen Theaterbetrieb stressen wenn es eine konzentrierte Lesung im Foyer auch getan hätte? Da kommen dann auch Zweifel an der Ethik des Verantwortlichen auf. Welche Aussage bringt der Regisseur zum Stück? Eine neue Variation wie die Fäkalsprache angewendet wird brauchen wir nicht. Zu welchen technischen Kaprizen das Theater in der Lage ist muss der Zuschauer nicht wissen. Das Liebe und Verzeihen der Weg aus Tragödien ist, ist in einer christlichen Gesellschaft landläufig bekannt, nur wie wir Menschen im gewöhnlichen Leben lieben und verzeihen, haben wir noch nicht verinnerlicht. Doch darüber schweigt diese Inszenierung.
Sollte man hingehen und anschauen? Unbedingt! Nur wenn sich ein heranwachsendes Publikum kritisch äußert kann für die Gemeinschaft etwas Neues entstehen. Einige Schulklassen haben das Stück schon gesehen und haben Proben begleitet. Im Anschluss der Vorstellungen gibt es eine Nachbesprechung im „da capo“. Hier kann das Publikum aktiv mitwirken und der interessierten Theaterleitung und den Schauspielern ein Feedback geben.
Weitere Vorstellungen sind am 05. und 20. April jeweils um 19:30. Es bleibt zu hoffen, dass die Nachfrage so groß ist und weitere Vorstellungen angesetzt werden.

© Fotos Heiko Sandelmann

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