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Freitag, 16. Januar 2015

Paare in der Unsozialisation

Kristina Krieger + Jan Katzenberger © by Alexander Gelwer
(Hamburg) Auf wenige Worte herunter gebrochen wird die Beziehungs(un)fähigkeit eines jungen Paares gezeigt. He.She.Trash.Zwei, so lautet der Titel des Zwei-Personen-Stücks von Loil Neidhöfer, das gestern im monsuntheater Premiere hatte. Es ist eine Produktion vom streaming theatre hamburg welches seit 2007 in Hamburg besteht. In der Regie des Autors spielen Kristina Krieger und Jan Katzenberger.
Ein verheiratetes Paar mit zwei Kindern um die 30+ ist arbeitslos. Er Werbetexter und sie Schauspielerin. Dieser Lebensplan birgt eine Lawine nicht enden wollender Probleme. Es ist nicht nur das fehlende Geld. Es ist vor allem auch die Frage: War das schon alles? Was ist mit den großen Träumen, die hier nicht näher ausgeführt werden, aber ein konstantes Brennen und Verzehren in ihr auslösen? Sie verblassen, werden weniger hoffend angefleht, bis sie endgültig ausgeträumt sind? 

Die Beiden sind kreative Köpfe. Ist das ein Hinderungsgrund um eine erfolgreiche Karriere zu gehen? Er hatte seinen Erfolg und ist nun arbeitslos. Sie ist motiviert und entschlossen beim Fernsehen in einer Serie a´la Lindenstraße eine Dauerstellung über Jahre zu ergattern. Da sie mit der Produzentin ins Bett geht funktioniert das auch (ein müdes Gähnen für diesen Einfall). Nach Monaten oder auch Jahren hat er auch wieder Arbeit in Aussicht: „Wir kriegen einen größeren Auftrag, so Gott will.“ Zwei Kreative im Prekariat die sich anfauchen und gegenseitig Mut zureden. Während dieser Plot gleich einer Lemniskate kolportiert wird, erscheint im Hintergrund eine tiefere Fragestellung und Gesellschaftskritik. Es wird ein Paar gezeigt die offensichtlich sozial inkompetent sind. Sie finden weder eine Ebene der Verständigung um Schwierigkeiten anzusprechen, noch sind sie in der Lage eine Lösung für irgendetwas zu finden. Es ist schon fast eine Tragödie bei der man ständig gut gemeinte Ratschläge auf die Bühne rufen möchte.

Große Fragen werden gestellt

Man kann sich dem Treiben nicht entziehen. Obwohl das Spiel in äußerst reduzierter, schon fast angedeuteter Weise inszeniert ist, gewinnt man eine unvermittelte Sicht in die Seelen der Charaktere. Sie sind enttäuscht ohne wirklich benennen zu können was ihnen fehlt. Mit theatralem Duktus sondern die beiden ihren Text wie sachliche Fakten ab, die sie weder kommentieren noch reflektieren, bestenfalls stehen sie verwundert vor diesen Positionen. Ist es Fassungslosigkeit? Ist es ein in der Gesellschaft verbreitetes Unvermögen eines sozialen Miteinander? Jedenfalls werden hier große Fragen aufgeworfen: Wozu im 3. Jahrtausend eine Familie? Warum eine definierte Form der Partnerschaft? Warum gemeinsam Leben? Und wenn all das mit Ja beantwortet wird, dann ist es die Frage wie man das macht. Die durch christliche Weltsicht geschaffene Rollenverteilung von Mann und Frau ist schon lange aufgehoben. Doch was ist die Alternative, wie die neue Lebensform?

Das Stück zeigt in seiner brüchigen Darstellung die soziale Inkompetenz in familiären Lebensgemeinschaften. Vielleicht war die Menschheit noch nie sozial. Vielleicht haben wir soziale Kompetenz noch nicht gesehen, weil sich alle an den Glauben gehalten haben, an Regeln die man schlicht befolgt. Doch einmal taucht ein Hoffnungsschimmer auf, die Aussicht auf Empathie, die Bereitschaft zur Hingabe an einen anderen Menschen. Das ist, wenn sie ihm zwei Sachen vorwirft die er damals in Marseille sagte: Sie solle nicht so romantisch gucken, sondern ihm lieber ihren Arsch zeigen. Hätte darin die Lösung gelegen ein verständnisvolles Paar zu werden das gemeinsam einen Lebensplan abarbeitet?


Was vordergründig mit wirtschaftlichen Zwängen beginnt, entpuppt sich als Reflektionsfläche für die voran schreitende Vereinsamung in der Gesellschaft. Die Thematik ist absolut relevant in einer Zeit, da Glaubensfragen mit der Waffe in der Hand vom Militär und von Terroristen beantwortet werden, da ein soziales Miteinander und Mitgefühl durch Pegida-Aufmärsche negiert werden. Wer sich nicht selbst der Nächste ist wird an diesem Stück seine Freude haben. Weitere Vorstellungen am heute und Samstag, so wie am 26., 27. und 28. März 2015 jeweils um 20:00
Kartenreservierung: MONSUN THEATER

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