Inh. Friedo Stucke, Kastanienbogen 8 in 21776 Wanna  eigene.werte@t-online.de

Samstag, 27. Juli 2019

Wie entsteht Herkunft und Identität?

TachoTinta & Gast
(Oldenburg) Am Ende der Präsentation vom makingoff#41 des flausen+ Forschungsprojektes am Theater Wrede+ fragt Silvia Ehnis Perez Duarte wie sich die Anwesenden identifizieren. Gemeint war da nicht der Ausweis, Reisepass oder Führerschein. Sie fragte nach unserer Identität. Eine nachdenklich kollektive Stille breitete sich aus. Ein Moment den die vier Tänzer an diesem Abend mehrfach erreichten. Ihre Arbeit geht unter die Haut, trifft im Herzen und breitet sich von dort in respektvoller Weise aus. Das ist Poetik die große Fragen stellt - ohne Anklage oder Vorverurteilung. Die Fragen, auf die derzeit keiner eine befriedigende Antwort geben kann.

Why are two asians and one latin sitting and the floor? - ist der Arbeitstitel unter dem die Gruppe TachoTinta vier Wochen in Oldenburg theatrale, kreative Forschung betrieb. Neben der oben erwähnten Mexikanerin gehören noch die beiden Koreanerinnen Mijin Kim und Seulki Hwang sowie als Gast der Türke Enis Turan dazu. Vier diplomierte Tänzer die neue Wege in der Kunst suchen. Das Projekt flausen+ wurde initiiert vom Theater Wrede in Oldenburg. Förderungen für Innovationen gibt es in vielen Bereichen. Flausen+ ist das einzige Programm dass für Theater zugeschnitten ist. Hier können die Gruppen künstlerische Risiken eingehen ohne einem Erfolgsdruck ausgesetzt zu sein. Wer sich auf Entdeckungsreise macht, der darf auch scheitern können dürfen. Doch ist es nicht oft gerade diese Freiheit die den Erfolg herbei zieht? Enis Turan der als freelancer Tanz-Projekte produziert sagte, er würde gefühlte 80% mit Organisation verbringen und den Rest kreativ auf der Bühne. Diese Einschätzung kann ich nur bestätigen und habe ähnliches auch schon von vielen anderen Kollegen gehört. In diesem Jahr standen 180 Anträge 5 flausen+ Stipendien gegenüber. Deutlicher kann ein Fördervakuum kaum illustriert werden.

Junge Künstler forschen. Wie muss man sich das vorstellen? Bei diesen vier Wochen flausen+young artists in residence steht die Frage wie sie als die Gruppierung die sie sind wahrgenommen werden. Wie entsteht der erste Eindruck? Ist er biographisch? Welches Erscheinungsbild entsteht, und wie entwickelt sich daraus eine Identität? Ein wesentlicher Punkt ist die Herkunft und wie sie in diesem Land aufgenommen werden. Dann erstellen sie sich einen Tagesplan nach dem sie sich zeitlich genau richten. Das gibt eine äussere Form und hilft den Fokus auf die Frage zu halten.  Sie führen täglich ein Logbuch um so mit den Mentoren des Projektes Kontakt zu halten. Das Logbuch ist übrigens im Netz einzusehen. Eine spannende Lektüre darüber wie dieser Prozess verlief. Einmal pro Woche gibt es mit den Mentoren eine Reflektionsrunde. Und dann am Ende steht das Making Off, eine Präsentation dessen was sie in den vier Wochen gefunden haben, bzw. zumindest einen Einblick in die Arbeit, denn es ist ein vielfaches mehr entstanden.


Die making off’s die ich bisher gesehen habe, es waren schon einige, sind alle auf ganz unterschiedliche Weise abgelaufen. Bei diesem ging es vor allem darum ein Feedback aus dem Publikum zu bekommen. Also stellten sich die Akteure gegenseitig vor. Wobei die Vorstellung aus der Wahrnehmung der Person gestaltet wurde die erzählt. Darauf folgte eine erste tänzerische Einheit mit anschließender Gesprächsrunde. Interessant war nun zu beobachten wie die Kommentare aus dem Zuschauerkreis gestaltet wurden. Durch deren Aussagen entstand eine Identität, in dem das auf der Bühne gezeigte identifiziert wurde. Doch war es das auch wirklich? Hat Identifizierung also auch etwas mit erkennen, Aufmerksamkeit und eigener Bewertung zu tun? Jedenfalls war es eine rege Gesprächsrunde die zu Gunsten weiterer Vorstellungsmomente in Grenzen gehalten werden musste. Bemerkenswert ist die hohe Professionalität mit der die vier Tänzer arbeiteten. Es lag eine Spannung von respektvoller und mutiger Risikobereitschaft im Raum, eine wichtige Voraussetzung um Grenzen zu überschreiten. Aus dieser Forschungsarbeit ist geplant eine konkrete Inszenierung zu machen. Dann darf man wirklich gespannt sein.  Link

Montag, 22. Juli 2019

Kleist im Spiegel seiner Zeit

(Wanna) Kleist - Leben und Werk, so der Titel von Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Krafts Buch über Heinrich von Kleist. Eine Biografie? Nein, ehr nicht. Die Beweggründe Kleists bleiben unangetastet. Spekulationen sind nicht das Feld des Autors. Er zieht seine Schlüsse zum Werk ausschließlich aus belegbaren Tatsachen. Kein Wort über eine evtl. Phimose. Gesundheitliche und seelische Einflüsse gehören für Kraft ehr nicht in das Reich von Fakten.

Wer war im Krieg mit wem und warum, in welchem Battalion mit welchem Offiziergrad und das alles mit Briefen, Drucksachen und weiteren Dokumenten belegt. Wieviel Geld hatte er von wem zur Verfügung, welche Stellen versuchte er aufgrund seiner hochwohlgeborenen Herkunft zu bekommen, welche Zeitungen und einzelnen Artikel gab er wann und wie heraus? Prof. Dr. Dr. h.c. Herbert Kraft fühlt sich als Gelehrter sicherlich der Genauigkeit verpflichtet, was auch für dieses Buch lobenswert ist, der Mensch Heinrich von Kleist allerdings verblasst hinter dem nahezu erdrückendem Geschichtscolorit. Die Geschichtsdaten, die sich leider hauptsächlich auf politische Umstände beschränken, lassen eine kulturelle und auch persönliche Sicht auf Heinrich von Kleist vermissen. Fakten wechseln mit belesenen und sehr persönlichen Deutungen einzelner Werke. Man sollte schon mindestens eine Gesamtausgabe von Kleists Werken gelesen haben um den hier ehr differenzierten Genuss zu gewinnen. Der Verlag kündigt das Buch als spannende Unterhaltung an, und dem möchte ich hinzufügen, diese Unterhaltung entfaltet sich vor allem in einer höher gebildeten Leserschaft. Denn viele Deutungen und Auslegungen sollten besser von einem erwachsenen Geist hinterfragt als konsumiert werden.


Ein wenig mehr lebendiges erzählen hätte diesem Buch zu einer große Empfehlung verholfen. Dennoch lesenswert erschienen im Aschendorff Verlag ISBN 978-3-402-00448-7

Freitag, 24. Mai 2019

Jeder kann erfolgreich wirtschaften

(Wanna) Günter Faltin, der Pionier der Entrepreneurship-Bewegung, führt in „David gegen Goliath“ vor, wie ökologische und soziale Werte in der Wirtschaft integriert werden können statt mit der mehr-Wachstum-um-jeden-Preis Mentalität weiter zu machen. Das er damit nicht ganz falsch liegt zeigt sicherlich die Teekampagne die seit über 30 Jahren die im Buch beschriebenen Werte praktiziert. Der Schritt vom Kunden zum Teilnehmer einer verträglicheren Wirtschaft mag auf den ersten Blick groß erscheinen. Doch bei der Lektüre dieses Wirtschaftswissens bekommt man schnell ein Gefühl dafür wie einfach es ist ökonomisch zu handeln.

Der Hochschullehrer und Unternehmensgründer Faltin hat hier ein interessantes Buch vorgelegt. Würden wir uns alle aus der Knechtschaft des Kunden erheben und aktiv und gleichberechtigt am Wirtschaftsleben teilnehmen, dann wäre dieses Buch ein echter Gewinn. Doch der Mensch ist dick, dumm, faul und gefräßig. Er ist, oder besser noch wir sind, so sehr in unseren Gewohnheiten verhaftet, dass wir alles Unrecht der Welt lieber ertragen als unseren Arsch zu erheben um etwas sinnvolles Neues zu wagen. Wie Albert Einstein schon mit Erschütterung feststellte: es ist leichter ein Atom zu Spalten als eine Meinung im menschlichen Gehirn zu wandeln, oder so ähnlich. Ihr versteht meine Empörung? Faltin legt hier Gedanken vor die so einleuchtend sind, dass es einem die Schamesröte ins Gesicht treibt, weil man nicht bereits selbst darauf gekommen ist. Und diese Gedanken sind nicht neu. Von Faltin ist es die komplett überarbeitete und erweiterte Neuausgabe von „Wir sind das Kapital“. Mit dem Weckruf „wir können Ökonomie besser“ trifft er zwar den Kern seines Vortrags, aber nicht die Herzen der Menschen. Er zählt in zahlreichen Beispielen auf wie man aus der Sofafeistigkeit heraus aktiv am Wirtschaftsleben teil haben, und damit langfristig für das eigene Wohlergehen sorgen kann. Außerdem zeigt er wie man an der gnadenlosen Unverantwortlichkeit der Wirtschaftsmagnaten sägen kann, in dem man nicht einmal das Rad neu erfinden müsste, sondern nur das Wirtschaftssystem mit anderen Werten belebt. Einige wenige Menschen in der Welt tun das auch. Und sollte der Herr eines guten Tages Hirn regnen lassen, wird der Anteil der Menschheit auch größer werden die sich für humanere und umweltverträglichere Wirtschaftspraktiken interessieren.

Der Kern der Sache ist also nicht die Möglichkeit. Es geht viel mehr darum herauszufinden warum wir Menschen so träge und gemächlich alles beim alten lassen. Unser Desinteresse an wirtschaftlicher Gerechtigkeit geht soweit, dass ein Prozent der Menschheit über 99 Prozent des Kapitals verfügt. Und das leider nicht zum Wohle aller. Wir ertragen das einfach, gehen täglich zu unseren Sklaventreibern, kaufen Dinge die weder gut für uns sind noch die wir uns wirklich innig wünschen und die auf eine Weise produziert werden die unsere Welt unwiederbringlich zerstören. Wir haben die Wahl, doch der Trend seit einigen Jahren geht ehr dahin jemand anderen Verantwortung zu nehmen übertragen der für uns die Sache kontrolliert anstatt, dass wir selber aktiv werden für bessere Verhältnisse.

Jetzt am Sonntag ist Europawahl und wir können mit unserem Kreuz die Richtung vorgeben wohin die Reise gehen soll. Mehr Kontrolle durch
Führungspersonen denen wir blind folgen wollen, oder einen Schritt hinaus aus unserer Komfortzone in eine vielleicht bessere Zukunft. Ja, Veränderung bringt Ungewissheit und Gefahr mit sich. Aber verfaulen, verfetten und verblöden schadet uns auch.  Konservativ ist gut wenn Werte geschützt werden wenn auch wert sind geschützt zu werden. Die vorherrschenden Wirtschaftspraktiken sind das nicht.  Wollen wir den Kopf in den Sand stecken oder nicht doch einmal ein kleines bisschen wagen.  „David gegen Goliath“ beschreibt ganz pragmatisch den Weg etwas zu wagen, kreativ zu sein, Verantwortung zu übernehmen, die Welt neu zu gestalten, nicht zu akzeptieren wie die Verhältnisse sind und sein eigenes Leben interessanter zu formen in Gemeinschaft und miteinander an Stelle von gegen den Rest der Welt. Der Titel des Buches ist vielleicht etwas ungeschickt gewählt, denn es geht nicht so sehr darum die Goliaths der Welt zu schaden, sonder die Davids zu ermutigen. 


Das Buch ist ein klimaneutrales Druckprodukt. Erschienen bei Haufe 264 Seiten für 16,95€ mit der Print ISBN 978 3 648 12564 9 und ePub ISBN 978 3 648 12565 6


Freitag, 26. April 2019

Antonio Stella

(Bremen) Italienischer Abend auf der Probebühne Tanz am Theater Bremen, die Leute kommen zu Hauf. Der Raum ist in einem dämmerigen Licht getaucht. Antonio Stella, festes Mitglied der Tanz Kompanie Unusual Symptoms, hockt in der Mitte des riesigen Stuhlkreises zwischen Blumen und Erde. Der Garten seiner Grossmutter aus seiner Heimat Palermo. Hier spielte er mit den Topfblumen als Kind die Situationen nach, wie sie auf den Straßen Palermos üblich waren. Der Ort seiner Jugend und Inspiration. In kleinen Etüden berichtet er von zahlreichen Erlebnissen. Auf der Piazza Politeama in der sizilianischen Hafenmetropole traf er sich mit Altersgenossen und verbrachte seine Jugend. Erste Liebe, Briefe unter Freunden, Träume und Sehnsüchte zu Beginn des Lebens, all das erlebte er dort.

Es ist eine Klubatmosphäre, gleichgesinnte Neugierige haben sich hier versammelt um etwas persönliches über den Menschen zu erfahren der in vielen Tanz Produktionen für sie auf der Bühne steht. Die Leute sind geduldig und gebildet. Denn es dauert einen Moment bis man so richtig versteht worin man gerade eingeweiht wird, und es wird kaum ein Wort deutsch gesprochen; italienisch ist ja wohl so etwas wie die zweite Muttersprache der Deutschen. Die kleinen Anekdötchen wechseln mit Liedern aus der Heimat und/oder seinem Leben, seinem Werdegang als Tänzer. Das Spiel seiner Biografie reichert Stella mit den Gegenständen an die wir alle mit Italien verbinden. Da sind natürlich die Schuhe, Gebäck das Erinnerungen an der Pate aufkommen lässt, genauso das Olivenöl, Sonnenbrille, Dessertwein und Aqua Minerale, und und und…. Jemand erzählt von seinem Leben, aber nicht nur privat, sondern in einer künstlerisch gediegenen Form. Es geht eben nicht nur um die Person, es geht auch darum wie man transkulturell miteinander und aufeinander trifft. Eine sehr herzlichen  Begegnung zwischen denen die Kunst machen und denen die sich ein bisschen mehr dafür interessieren. Und wie der Abend zeigte wurden alle menschlich reich beschenkt. Diese kleinen Veranstaltungen auf der Probebühne sind eine nette Abrundung zum Spielbetrieb, ein grenzüberschreitendes Format.


Es ist die Reihe PB Tanz # bei der sich jedes Mal ein weiteres Mitglied der Tanzsparte auf ganz eigene Art und Weise vorstellt. Das nächste Mal bei PB Tanz #5 stellt sich dann am 19. Juli 2019 Diego de la Rosa vor. Man darf gespannt sein wie das dann wird.

Montag, 22. April 2019

Ich bin nicht dies… ich bin nicht das…

© by Theater Bremen
(Bremen) Der letzte von drei Tagen Tanz im Theater Bremen bildete den krönenden Abschluss mit polaroids:remix von Samir Akika und Unusual Symptoms. Viele haben es schon gesehen und waren begeistert. In dieser Spielzeit wieder aufgenommen und updated sieht man 3 Stunden fulminantes Tanz(Theater).

Der gesamte Theaterraum ist eine riesige Installation. An den Wänden sind Papiere drapiert auf denen Gemälde entstehen, auf dem Boden wird mit weißer Farbe gepunktet, unter der Band ist eine Bar eingerichtet, Stangen, Pinwand, Matratzen; jeder Winkel ist mit etwas eingerichtet. Sogar unter der Bühne im Keller gibt es ein Konzert das per Videoübertragung oben zu sehen ist. Und die gesamte Rauminstallation ist kontinuierlich in Bewegung. Eine stille dynamische Bewegung die ungeordnet wirkt, die alltäglich wirkt, aber bei genauerem hinsehen bis ins Detail durchgestaltet ist. Obwohl nichts dem Zufall überlassen ist, sind die Strukturen so locker, leicht, variabel gehalten, dass eine völlig ungezwungene Atmosphäre herrscht. Beabsichtigt ist, dass Publikum und Akteure sich im Raum vermischen. Dadurch entsteht eine privatere Situation wie auf einer großen Party. Und diese Party ist noch dazu gefüllt mit kleinen Events. Mit einer schier überbordenden Fülle kleiner Perlen aus dem Bereich der Untergrundkunst. Wenn man davon ausgeht Tänzer würden nur tanzen, dann hat man sich schwer getäuscht. Hier wird gesungen, gemalt, gespielt, gesteppt, verkleidet, animiert, rezitiert, performt, kurz es werden alle nur erdenkliche Kunstformen nach vorn gebracht. Und das mit einer Spiellaune die ansteckend und verzaubernd ist. Da spritzt eine Frau mit Quasten Farbe auf eine Folie und der dabei entstehende Klang wird zum Teil der gespielten Musik. Auf dem Boden entsteht eine mit wilden Pinselstrichen gezirkeltes Gemälde. Zum Schluss schreibt einer in großen schwarzen Buchstaben darauf „You belong“, dann wird der Papierstreifen zusammen gedrückt und ein einer Ecke entsorgt. Gemacht und schon vergessen, zugunsten von einer neuen Idee. Und so treibt es von Augenblick zu Augenblick. Es wird im Verlauf des Abends zunehmend wuseliger. Man geht über die Bühne und steht plötzlich nur einen Meter einer Tänzerin gegenüber die mit voller Hingabe und mit Kohle auf dem Boden malt. Die Nähe ist sowohl animierend als auch schockierend, eben tough. Das Ensemble hat diese typische New Yorker Gradlinigkeit und Härte, zielorientiert mit klarem Purpose. So schräg und ausgefallen die einzelnen Aktivitäten auch sein mögen, sie sind so ernst vorgebracht als koste es das Leben. Momente wie dieser sind es die dieses Show so reizvoll machen. 

Kunst zu betrachten hat immer eine Distanz und Rationalität, doch wenn die Distanz fehlt wird der Betrachter involviert oder gefesselt. Das Spiel mit diesen Grenzen ist eine große Kunst. Denn wie leicht kann man die Grenze zwischen den Welten überschreiten, wie leicht fühlt man sich angegriffen, oder greift in die fremde andere Welt störend ein. Doch hier ist es von großem Respekt getragen, von Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme. Die Anwesenden koexistieren so natürlich, dass kleine Kinder durch die Performance laufen, niemand mit Farbe bespritzt wurde, keiner in die Versenkung fiel und auch von keinem Mirkofonständer erschlagen wurde. Das herausstechende Verdienst dieser Produktion ist das verständnisvolle miteinander im künstlerischen Kontext. Da wo man eigentlich eine hohes Mass an Kontrolle erwartet sind die Zügel sehr locker. Dies ist eine künstlerische Qualität die mir am Bremer Theater immer wieder auffällt: Das kreative miteinander über Grenzen und Kulturen hinaus.


Unusual Symptoms an diesem Abend waren Marie-Laure Fiaux, Gabrio Gabrielli, Nora Horvath, Alexandra Lorens, Nora Ronge, Lotte Rudhart, Diego de la Rosa, Karl Rummel, Andor Rusu, Young-Von Song und Antonio Stella. Musiker: Simon Camatta, jayrope und Stefan Kirchhoff. Und ich kann nur jedem wünschen der dieses Spektakel noch mit erlebt hat, dass es weitere Vorstellungen geben wird.
www.theaterbremen.de

Tanz aus Norwegen

© by Theater Bremen
(Bremen) Im Rahmen des jazzahead! Festivals 2019 und in Zusammenarbeit Tanz Bremen präsentierten das Ingun Bjørnsgaard Prosjekt aus Norwegen zwei Choreografien: Notes on Frailty und A List of things he said.

Neben dem Musiker Christian Wallumrød erscheinen die Tänzerinnen Catharina Vehre Gresslien, Marianne Haugli, Guro Nagelhus Schia und Ida Wigdel zwischen einer, sagen wir Art Pförtnerloge und Wartebänken wie aus einem Krankenhaus oder Finanzamt, in der matten Dunkelheit. Musik, das sind in diesem Fall Töne, Geräusche, Klänge die mehr einem situativen Ausdruck entsprechen denn einer offensichtlichen Harmonie. Sie kratzen und quietschen, summen und intervallieren und sind in einer Harmonie mit den Tänzerinnen, die einzelne Klänge fortführen, den Klang durch Geste Nachdruck verleihen und so auf eindringliche Weise ergreifen. Ich kann mich nicht eines Gedankens verwehren: den der bizarren Schönheit die Bürde des Lebens mit Würde zu tragen. Die gestalteten Bilder gehen unter die Haut. Es ist da eine Anmut des Schmerzes, der Zerbrechlichkeit die von vier innerlich starken Frauen gezeigt wird. Man sieht die weibliche Fähigkeit mit mehreren Problemen, und zwar echten Schwierigkeiten, gleichzeitig umzugehen. Eingesäumt werden diese Frauen von einem Kosmos aus Kleidern Signe Vasshus´, die die weibliche Schönheit herauskehrt, die Last, die Abgrenzung, den Reiz und Pragmatismus. Es ist dunkel auf der Bühne und nur hin und wieder überrascht ein heller Ausschnitt. Doch die Frauen stehen meist nur am Rande des Lichts während sie, in manchmal irrsinniger Geschäftigkeit, aktiv voran schreiten. Ist es eine düstere Sicht? Jah, nein! Ist es reale Beschreibung was Frau sein bedeutet? Jah, nein! Es ist vielmehr als eine Schwarzweiß Betrachtung. Frailty ist die Gebrechlichkeit vielleicht als der Gegensatz zur männlichen Beständigkeit? Jah, nein! Mich hat diese Choreografie begeistert und hinterfragend mitgenommen. 


A list of things he said, wenn man die beiden überhaupt miteinander vergleichen sollte, ist ehr quadratisch, synchron und zeigt einige Seiten die man Männern immer gerne zuspricht. Die Tänzer hier sind Ludvig Daae, Erik Rulin, Matias Rønningen und Vebjørn Sundby. Dazu kommt ein virtuos in die Tasten greifender Simon Røttingen. Sind Männer wirklich so planvoll wie hier gezeigt? Schon möglich! Mit einigen humorvollen Momenten ist dieser Teil nicht ganz so tiefgründig wie Notes on Frailty, nichts desto trotz ebenso sehenswert. Und das es dem vollbesetztem kleinem Haus im Theater Bremen gefallen hat bestätigt der begeisterte Applaus.

Of Father an Sons

© by Theater Bremen
(Bremen) Zuerst war ich ein wenig verwirrt. Ist Pink Unicorns ein Stück für Kinder und Jugendliche, oder geht es hier um Homosexuallität und was hat das alles mit Tanz zu tun. Und dann, so Schritt für Schritt, wie ich mich so in die Geschichte hineinziehen ließ, entdeckte ich wieder einmal etwas neues im Theater. Es gibt eben so unendlich viele Wege etwas zu erzählen. Und es ist ungemein hilfreich wenn man sich aus den eingefahrenen Formen heraus bewegt und ganz eigene Mitteilungsformen entwickelt. Dabei ist es die Kunst nicht privat zu werden, sondern etwas zu vermitteln das viele angeht. In diesem Fall das Verhältnis von Vater zu Sohn. Auf der Bühne Alexis Fernandez mit seinem 14 jährigem Sohn Paulo. 

Zu Beginn laufen die beiden am vorderen Bühnenrand auf und ab. Der Einlass ist gewesen, das Spiel hat schon begonnen und die beiden laufen immer noch. Sie laufen nicht um die Wette, sie laufen zusammen. Es ist kein Kräftemessen, es ist auch nicht die Herausforderung des älteren an den Filius. Sie laufen gemeinsam, miteinander, und wenn wir auch nur einen Ausschnitt sehen, so schimmert doch später durch das die beiden durchs Leben laufen, nebeneinander und konkurrenzlos, wie in einer Partnerschaft die auf Augenhöhe funktioniert. Eine Utopie breitet sich aus vor den leicht verwirrten Augen, und wie ein Geheimnis wird so nach und nach der Schleier gelüftet über eine im allgemeinen schwer problembehaftete Beziehung. Die Probleme sind alle da, aber wie sie angegangen werden hat etwas zauberhaftes. Die Fragen die der Junge an seinen Vater stellt über die Welt in die er hineinwächst, und die er sich berechtigt von seinem Vater hineingeführt wünscht, sind nicht nur die Fragen des Sohnes. Der Vater steht mit gleichem Staunen, fragend und forschend da und fühlt die Verantwortung der Erklärung in sich. Hier wird ein Elternteil gezeigt das die Weisheit eben nicht mit Löffeln gefressen hat, der sich nicht zu schade ist sich neben seinen Spross zu stellen um mit ihm gemeinsam in die Welt zu schauen die für seinen Sohn noch so neu ist.


Wenn ich ins Theater Bremen komme, habe ich oft das Gefühl in eine multinationale Gemeinschaft von Künstlern zu kommen die eine hochinteressante wie auch interessierte Sicht auf diese uns allen umgebende Welt zu richten. Offen für neue Ideen und offen für Versuche wie wir als Gesellschaft aller Menschen besser miteinander umgehen können. Sprache ist da immer ein großes Thema. An einem Nachmittag zwischen Brauhaus und Noon höre ich mindestens acht verschiedene Muttersprachen die alle bestens miteinander kommunizieren. In Pink Unicorns wird spanisch gesprochen und die wichtigsten Passagen werden in englischer Sprache eingeblendet. Choreograf Samir Akika der aus Algerien stammt spricht französisch und natürlich die universelle Sprache der Bewegung des Tanzes. Eine Bildersprache die es ganz vergessen lässt nicht jedes Wort zu verstehen, denn man versteht eben doch am besten mit dem Herzen.

Montag, 1. April 2019

Wie kann man mit Würde abtreten?

Jonas Vietzke, Helga Lauenstein © Jonas Wömpner
(Hannover) Freund Hain, Gevatter Tod, die andere Seite oder wie Ludwig Hirsch sang: „Komm großer schwarzer Vogel, nimm’ mi fort von hier; am Ende des Lebens steht der Tod - die unausweichlichste Tatsache für jeden von uns. Können wir doch im Leben eigentlich jede Situation verhandeln, bestimmen, organisieren - nur beim Tod da sind wir machtlos. Vielleicht kommt daher die für manch einem beklemmende Angst vor dem letzten Gang. Doch wie man dem Tod begegnet oder gegenübersteht ist von Fall zu Fall verschieden. Das Theater in der Glocksee hat sich dem Thema angenommen mit der neuen Produktion „Freund Hain - Das Spiel des Lebens“ ein beeindruckendes Theater abgeliefert.

Der Raum ist festlich, wenn auch schlicht eingerichtet, in Schwarzweiß gehalten mit nur spärlichen Farbtupfern. Es ist der Moment einer Trauerfeier. Erinnern sie sich noch an die letzte Trauerfeier der sie beiwohnten? Der Gefühlsfächer ist bei diesen Gelegenheiten immer sehr weit aufgeschlagen. Von glatter Verzweiflung bis verschämter Schadenfreude kann man da alles erleben. Auf der theatralischen Trauerfeier an der Glocksee wird dem auf raffinierte Weise eine Bühne geboten, die mit viel Einfühlungsvermögen eine würdevolle, demütige, kurzweilige, kunstvolle Sicht  auf das Unausweichliche wirft. Aus den schier endlosen Möglichkeiten wie man über den Tod nachdenken kann, hat das Ensemble 25 Szenen herausgearbeitet. Und der Unberechenbarkeit des Todes folgend, haben sie mit einem Trauer-Bingo eine Form gefunden diesen Abend zu gestalten. Jeder Teilnehmer/Zuschauer bekommt einen Bingozettel auf dem er ein von 25 Feldern markieren kann. Auf der Bühne werden dann aus einer Lostrommel die einzelnen Felder gezogen. So entsteht an jedem Abend eine völlig eigene Theatershow, eine Revue die es in sich hat. Pro Vorstellung kann man bestenfalls die Hälfte der möglichen Szenen sehen. Es lohnt sich also ein weiterer Besuch. Die Bandbreite der einzelnen Szenen ist der Hammer: von Klamauk  über Wissenschaft, Literatur, und privates bis hin zu Religionen, Tanz, life Music, überraschend Nachdenkliches und vieles, vieles mehr, wird der Tod gründlich unter die Lupe genommen. Man könnte nun annehmen das dieses Thema mit einer gewissen Ambivalenz aufgenommen wird. Doch weit gefehlt: Das Licht im Saal ist immer so, dass sich keiner in seinem Sessel unbemerkt verkriechen kann, es aber auch gar nicht will. Ich habe selten in einem Theater so interessierte Gesichter gesehen wie an diesem Abend. Ein Publikum so involviert und im Herzen berührt zu erreichen ist dem Ensemble also hoher Verdienst anzurechnen. Vor allem schon deswegen weil der Abend zwar nach dem Zufall entstand und dennoch wie aus einem Guss zu erleben war. Also, wann haben sie sich das letzte Mal intensiv mit dem Tod beschäftigt und waren erleichtert, hatten ein Gefühl verstanden worden zu sein? Im Theater an der Glocksee ist das möglich am: 3., 5., 6., 13., 19., 24., 26. Und 27. April jeweils um 20:00.

Auf der Bühne sind zu erleben Uwe Dreysel, den sie auch fulminant am Klavier sehen können, Lena Kußmann, Helga Lauenstein und Jonas Vietzke, Regie führte Milena Fischer-Hartmann auf der Bühne von Birgit Klötzer und in den Kostümen von Hanna Peter sowie im Lichte von Kirsten Müntinga und Julia Schöneberger.


Samstag, 30. März 2019

Alle macht dem Wähler

Füglistaller und Pleß
(Oldenburg) Das Theater Wrede+, in der Klävemannstr. 16, überrascht immer wieder mit einer innovativen Form Theater zu machen. Mit „People Power - A Live Theatre Escape Game“ ist dort eine, man möchte sagen zukünftige, Theatersprache entstanden: ein analoges Computerspiel. Ein Widerspruch? Ja, natürlich, Theater beschäftigt sich immer mit Widersprüchen, jedenfalls wenn es gut ist.

Stellt euch ein Computerspiel vor bei dem ihr ein Avatar einnehmt um als solches verschiedene Stationen im Spiel zu durchlaufen. Ihr bekommt Aufgaben gestellt die es zu lösen gilt um dafür Punkte, sagen wir Sozial-Kredit-Punkte so wie es 2020 in China Standard werden soll, zu erhalten. Vor einem Bildschirm würdet ihr sitzen, festgenagelt und klicktet euch durch einen Pacour um am Ende fest zu stellen einen Punktestand gesammelt zu haben der etwas darüber aussagt wie gut ihr euch geschlagen habt. Mit dem tatsächlich existierenden Spiel People Power haben die Aktivisten im Arabischen Frühling gewaltfreien Protest geleistet. Dort wurde also der spielerische Staatsumbruch geübt. Ein Gedanke daran wie Politik, bei aller Ernsthaftigkeit, auch Spass machen kann. Und ein Bild darüber wie in der heutigen Zeit politisches Engagement aussieht. Die 68er hatten ein klares Feindbild dem sie sich mit aller Kraft oder auch Gewalt entgegenstellten. Heute ist die Gesellschaft vielseitig und voller Variationen, man kann sie systemisch verstehen und eben auch so ehr gestalten als bekämpfen. Und gerade die systemische Betrachtung eröffnet die Identifikation eines jeden in der Gesellschaft. Wo und welchen Platz nimmt der Mensch in diesem riesigen Gefüge der Gesellschaft ein, und wie kann er darin mitwirken?

Winfried Wrede hatte die Idee zu diesem Spielkonzept in der eine Wahl mit einem Game gespielt wird. Man kann Sozialpunkte bekommen die je nach Entscheidungen der Spieler ins + oder - gehen können. In einer geschickten Symbiose von mehreren Stationen die so gestaltet sind, dass spielerisch Aufgaben gelöst werden und darüber hinaus Diskussionen entstehen, und der persönlichen Beteiligung des Publikums ist eine sowohl kurzweilige Unterhaltung, kritische Betrachtung über politische Strukturen und persönliches Engagement gelungen. Die Zuschauer, ein Begriff der hier nicht mehr weit genug greift, sind in Gruppen aufgeteilt und einem von fünf Avataren zugeteilt, in dessen Namen sie durch das Spiel gehen. Das Setting dieses Theaterabends ist mit allen erdenklichen Medien ausgestattet für die Karl-Heinz Stenz verantwortlich zeichnet. Per Video sprechen die autokratische Präsidentin und deren Gegnerin so wie auch die Avatare selbst. In Wahlkabinen liegen Tablets auf denen die Zuschauer verschiedene Aufgaben lösen, Auswertungen werden punktaktuell wie am Wahlabend von Infratest dimap auf einem Bildschirm angezeigt, Beteiligung via Smartphone von Personen die gar nicht im Theater sind und auch nichts von der Vorstellung wissen, und, und, und; kurz das Theater wird ins Leben geholt und das Leben spielt im Theater.

Bei aller Virtualität kommt das Schauspiel, das analoge nicht zu kurz. Z.B. zwei Charaktere fungieren als eine Art Spielleiter auf der Bühne: Die Staatsanwältin, gespielt von Elisabeth Pleß, und die Aktivistin von Danielle Ana Füglistaller. Pleß die, wie eine Nichte Datas vom Raumschiff Enterprise in menschlicher Hülle eine seelenlose Dienerin des Staats spielt, und die nach und nach in einem algothytmischen Datensalat sich zu so etwas wie einen Menschen verwandelt ist eine Freude anzusehen. Füglistaller erinnert an einen Don Quichot, die am Ende …, nun ich will nicht verraten wie es ausgeht, die jedenfalls mit unerschütterlicher Überzeugung und überzeugend für ihre Sache eintritt. Streckenweise ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass das Internet auch nur eine vorübergehende Erscheinung sein könnte, und dass eines Tages Mensch und Maschine koexistieren könnten, an statt sich vielfältiger wechselseitiger Dominanzen hinzugeben. Und dann ist da wieder der Zuschauer, ohne den es wirklich nicht geht. Seine Mitwirkung, seine spielerische Beteiligung hat unmittelbare Auswirkung auf den Spielverlauf, der Wahl und schließlich dem Endergebnis. Das besondere, dass ich hier hervorheben möchte ist die Tatsache nicht bespielt zu werden. Im Theater bin ich normalerweise derjenige der auf die Pointen reagiert, hier bin ich mittendrin; ich erschaffe die Situationen und reagiere darauf. Es ist eine Gemeinschaftsproduktion die sowohl angeleitet wird als auch aus sich selbst heraus entsteht. Das ist eine völlig neue Form der Kultur und des kulturellen Engagement. Ein kulturelles Looking outside the Box.

Einige Vorstellungen sind schon ausverkauft für andere gibt es noch Karten. Ich kann es nur empfehlen sich diese für´s Theater höchst innovative Inszenierung anzusehen, vor allem wenn man mit Kultur zu tun hat oder sich mehr für aktive politische Aktivität interessiert. Nächste Vorstellungen sind am 26. + 27. 04.2019.

Montag, 25. März 2019

Die Stare sind da

(Wanna) Mit dem Frühlingsanfang sind bei mir die Stare eingezogen. Ich habe gestern den ganzen Vormittag damit verbracht das rege treiben vor meinem Fenster zu beobachten. Der Nistkasten, den ich schon im vergangenen Herbst am Baum mit einem verzinkten Draht festgebunden hatte, wurde in den letzten Monaten immer wieder von verschiedenen Vögeln besucht. Hauptsächlich konnte ich immer wieder die Kohlmeisen sehen wie sie die Behausung begutachteten. Eine Taube nutze das Dach auch einmal als Landeplatz, doch ohne weiteres Interesse an dem Kasten.Einige Spatzen nahmen hin und wieder Mass, entschieden sich dann aber doch für etwas anderes. Wahrscheinlich ist das Einflugloch für sie zu groß. Sie bevorzugen nämlich ein Loch mit einem Durchmesser von ca. 35 mm. Ich hatte aber schon beim Baum der Nisthilfe für Stare geplant und das Loch auf 45 mm Durchmesser gebohrt. Ich kenne den Begriff Starenkasten zwar noch aus meiner Kindheit, hatte aber noch nie einen gebaut. Doch nun habe ich endlich Glück und die Stare haben meinen Kasten gefunden. Zuerst sind zwei Stare den Kasten angeflogen und haben ihn von aussen und auch kurzzeitig von Innen betrachtet. Dann kamen weitere Stare hinzu. Ich kenne mich nicht so genau aus, und kann nur vermuten dass es sich um ein weiteres Paar handelte. Jedenfalls wurden die Besichtigungen immer länger abgehalten und jeder durfte mal auf dem Dach sitzen sich auf der Stange davor breit machen und auch für längere Zeit drinnen den Raum auskundschaften. Die Stange ist bei Starenkästen übrigens sinnvoll weil die männlichen Stare gerne vor der Behausung sitzen und ihrer Familie ein Liedchen trällern, wenn sie erstmal heimisch sind und die Brut voranschreitet.  Dann folgte so eine Art Diskussionsphase unter den vier Staren. Zwei saßen im Baum und die beiden anderen am und auf dem Kasten. Es wurde gezwitschert und hin und her geflogen, und schließlich gaben zwei auf und stahlen sich davon. Noch eine Weile verstrich und dann ganz unvermittelt tauschte das verbliebene Paar einen Kuss und stürzte sich unter viel Getue und Lärm zu Boden um dort… , nun sie können sich wohl schon denke was die beiden verliebten Stare so machten. Dann folgte ein etwas anderes Verhalten. Nun flogen sie jeweils einzel zum Kasten, krabbelten hinein, schauten hinaus, wieder rein, wieder raus und flogen davon. Manchmal trafen sie sich am Loch um sich im Innenraum abzuwechseln, manchmal blieben sie auch für eine Weile gemeinsam drinnen. Ich konnte allerdings nicht beobachten, dass sie Nistmaterial heranschafften. Was da also vor sich ging kann ich nicht genau sagen. Und dann nach ungefähr einer halben Stunde tauchten sie nicht mehr auf. Und kaum hatten die Stare das Feld geräumt, kamen die nächsten Besucher, die Kohlmeisen wieder heran. Sie schnupperten kurz, warfen einen Blick ins Innere, und flatterten davon. Ein fetter Spatz hielt sich noch etwas länger im inneren auf und stattete mehrere Besuche ab. Er setzte sich jedesmal auf die Stange und lockte ein Weibchen an. Doch es schien sich keines für ihn zu interessieren. So gegen 12:00 war das ganze regen Treiben plötzlich vorbei. Ich gehe davon aus das die Stare bei Ikea waren und morgen mit einer wohlfeilen Inneneinrichtung wieder auftauchen. Ich werde schon Mal den Mietvertrag fertig machen und ihnen dann morgen früh vorlegen.

Nistkästen baue ich übrigens selber aus gebrauchten Hölzern die ich an verschiedenen stellen einsammle. Weil ich die Hölzer verarbeite die ich gerade zur Verfügung habe, wird jeder Kasten ein Unikat. Die Hölzer das sind Kisten, oder Paletten oder auch Abschnitte vom Bau. Die Bretter sind unbehandelt und bekommen, oder haben bereits, eine graue Patina. So sind die Nistkästen farblich angepasst an die Stämme der Bäume in denen sie in einer Höhe von ca. 2 - 3 Meter angebracht werden. Kasten, Baum und Vogel werden so zu einer natürlichen Einheit, was es den Prädatoren erschwert die Nistkästen zu finden. Die Bretter sind ideal in der Stärke, manchmal sogar etwas überdimensioniert. Somit sind sie dann eben besser gegen Verwitterung stabil. Das Holz ist und bleibt unbehandelt. Denn die Vögel die darin wohnen sollen ja nicht durch Ausdünstungen belästigt werden. Und das Holz hält auch in sehr feuchten Gegenden, so wie im Norden unserer Republik, viele Jahre. An der Seite unten über dem Boden kann man ein Brett herausschrauben und so den Kasten im Spätsommer reinigen. Damit verhindert man, dass Flöhe und Milben die nächste Brut belästigen. Man sollte übrigens davon Abstand nehmen irgendwelche Insektizide zu benutzen um den Kasten keimfrei zu bekommen. Das ist nicht nötig, wie man auch beim Nabu erfährt.


Die Nistkästen wie hier beschrieben vertreibe ich über die Firewood Art Solutions UG, Kastanienbogen 8, 21776 Wanna, eine Gesellschaft die ich im vergangenen Jahr gegründet habe. Ein Kasten kostet 16,00€ zuzüglich Versand. Bestellungen nehme ich unter eigene.werte@t-online.de gerne entgegen. Und nun wünsche ich ihnen allen viel Spass mit dem frei lebenden Federvieh welches unser aller Fauna nachhaltig bereichert.

Montag, 18. März 2019

Der Weg zum Glück

© J. Landsberg
(Bremen) Es ist die Frage mit der sich wohl jeder beschäftigt, die Frage nach dem Glück und wie man es erlangt. Mit der neuen Tanz Produktion des Choreografen Samir Akika und Unusual Symptoms am Theater Bremen wird eine aussergewöhnlich deutliche Sicht auf das Streben nach Glück gerichtet. Eine turbulente Revue die sich immer um den Ausgangspunkt dreht, einer verzweifelten Suche gleich, und dann zum Schluss zu einer möglichen Antwort gelangt.

Diese Choreografie ist mutig. Nicht nur weil viele halsbrecherische Situationen darin erscheinen, sondern weil die Wahl der Ästhetik etwas so bestechend gewöhnliches hat. Man sieht eine Frau mit einem Staubsauger ganz konkret den Boden saugen. Ein Paar spielt so etwas wie sching-schang-schung, jemand liegt auf dem Rasen und blickt in den Himmel. Handlungen die so aus dem Leben gegriffen sind, dass eine künstlerische Gestaltung oder Überzeichnung zu fehlen scheint. Es ist als würde man einen Spiegel vorgehalten bekommen. Das Bühnenbild unterstreicht das noch einmal mit Kunstrasen und Gartenzaun, Sperrmüll und Mutterboden. Es schmerz schon fast zuzusehen, weil man in den zig Situationen die nach und nach ineinander übergehen, und so punktgenau wiedererkennbar sind, sein eigenes Bestreben auf der Suche nach dem Glück erlebt. Es ist ein schmaler Grad auf den uns Samir Akika hier schickt, ein schmaler Grad zwischen dem Gefühl ertappt worden zu sein bei der eigenen Gier nach Glück und grad noch darüber lachen zu können. Eine unermessliche Fülle verschiedener Aktivitäten prasseln aus diesem dynamischen Wirbel heraus. Und keine scheint auch nur annähernd eine Lösung auf die Frage zu bieten. „Will happiness find me?“ Aber seinen wir doch ehrlich: Warum sollte sich das Glück auf den Weg zu uns machen?

„Will happiness find me?“ impliziert ein vom Schicksal gesteuertes Phänomen. Es passiert oder eben nicht. Doch tatsächlich unternehmen wir alles nur erdenkliche um die Leere in uns zu füllen, das Vakuum das wir für das Glück bereithalten. Vielleicht glauben wir ja, dass wir uns irgendwie vorbereiten müssten um das Glück einzuladen: schöner aussehen, sportlich, reich, intelligent oder sonst was sein, geordnetes Zuhause, Gartenzaun, singen, chillen, schaukeln und wer weis was noch alles… Die auf der Bühne jedenfalls strampeln sich in allen erdenklichen Möglichkeiten, bis hin zur seelischen Erschöpfung, ab. Und in den Momenten der Erschöpfung tritt hin und wieder ein Augenblick der Kontemplation ein. Dem jeweiligen Augenblick nachspüren, ihm Raum geben, die Stille nicht füllen sondern aushalten. Diese Momente sind der Hoffnungsschimmer auf ein erfüllendes Ende, dem Eintritt des Glücks. Und ja, es gibt selbstverständlich große und kleine Glückserlebnisse. Und auf der Bühne sehen wir immer wieder krasse Überraschungen, die ich hier nicht verraten werde. Denn es sind wunderschöne Augenblicke wenn das gesamte Publikum sich erstaunt von diesen kreativen Wendungen mitreissen lässt. Und dann hat die happiness ihren Dienst getan. Also kann man dem Glück vielleicht doch den Boden bereiten?

Nun, es ist eine mutige Konfrontation, die man zu sehen bekommt. Weil sie auf so unverhohlene und direkte Art einen mit Scham verdecken Lebensbereich anspricht. Und natürlich ist hier die Kunst besonders gefragt auf sehr sensible Weise sich dem anzunähern. Diese Aufgabe hat das Ensemble wundervoll gemeistert. Denn die Arbeit wurde mit donnerndem Applaus belohnt.


Weitere Vorstellungen sind am 21.03., 13.04. und 21.04. www.theaterbremen.de

Donnerstag, 14. März 2019

Probenbesuch an der Glocksee

(Hannover) Es ist ein besonderer Moment wenn man Einblick in den künstlerischen Schaffensprozess erlangt. Dass das Theater an der Glocksee für diesen Moment hinter den Kulissen ein Programm mit dem Titel: Very Interested Persons aufgestellt hat trifft den Kern der Sache. Gestern trafen sich wieder eine ganze Reihe sehr interessierter Menschen. Zu sehen gab es einen schon überraschend weit fortgeschrittenen Szenenrahmen der neuen Produktion mit dem Titel: „Freund Hain“.

„Freund Hain“ ist der Tod. Wie kann der ein Freund sein, wo wir uns doch alle mehr oder weniger vor ihm fürchten? Nun, es ist möglich! Wenn man so wie das Ensemble das Tabu bricht und offen darüber spricht und spielt. Eine weitreichende Recherche liegt diesen Szenen zugrunde. Es gibt viele Momente in denen der unabwendbare Augenblick des Ablebens von allen Seiten beleuchtet wird. Bei diesem Probenbesuch konnte man schon einen beeindruckenden Geschmack bekommen wie vielseitig, kurzweilig, kreativ, überraschend, tragisch die Inszenierung werden wird.

Aber das besondere an dem Probenprozess vor interessiertem Publikum ist die Teilhabe. Nach dem gezeigten Ausschnitt gab es eine Runde in der ein konkretes Feedback eingefordert und gegeben wurde. Dadurch wird die Tür zu einer dramaturgischen Einführung durch Mitgestaltung geöffnet. Die Grenze zwischen darstellender Kunst und dem Zuschauer wird durchlässig. Man muss als Mensch im Publikum nicht unbedingt vertraut sein mit den handwerklichen Können der Theaterschaffenden, denn das Ensemble hörte sehr aufmerksam zu, und verstand es ein Verständnis zu reflektieren. Andererseits ist das von aussen gegebene Feedback auch eine Hilfe für die Theatermenschen, um die einen oder anderen Zweifel in der Verständlichkeit zu glätten. Diese Form der Teilhabe öffnet auch einen Spalt zu einer intensiven kulturellen Bildung. Es geht eben nicht nur um Inhalte, sondern auch darum wie man Inhalte verständlich macht. Man könnte hier von einem qualifizierten Dialog sprechen, der vor allem mit großem Respekt geführt wurde. Und das ist doch eine Art zu kommunizieren wie sie wünschenswert ist.


Wer an dieser besonderen Theaterbegegnung noch teilnehmen möchte hat die Chance beim 2. Probenbesuch am 22. März um 19:30. Eine Anmeldung ist ratsam da die Teilnehmerzahl begrenzt ist. Übrigens hat auch schon der Kartenverkauf für „Freund Hain“ begonnen. Premiere ist am 29. März um 20:00. www.theaterglocksee.de

Dienstag, 12. März 2019

Theater wrede+ etabliert ein brandneues Format - Gaming

(Oldenburg) Das theater wrede+ in der Klävemannstraße macht seit Jahren erfolgreich mit einzigartigen Theaterformaten auf sich aufmerksam, und spüren damit in außergewöhnlicher Weise hochaktuellen gesellschaftsrelevanten Themen nach. Diesen Anspruch verfolgt auch die aktuelle Produktion People Power, die am 22.03. um 20.30 Uhr uraufgeführt wird. 
In People Power widmet sich das theater wrede+ den neuen Machthabern dieser Welt: Den Trumps und Orbáns, die den Begriff Demokratie für sich ganz neu beanspruchen. Das Besondere an der Produktion ist ihre interaktive Live-Gamestruktur. Mit „Humor, Herz und Verstand und einer gehörigen Portion Entscheidungsfreude“ so die Theaterleitung, können die Zuschauer*innen mit viel Spaß herausfinden ob sie gute Bürger*innen sind, wohlgemerkt im Sinne des Staates. 
Das Szenario präsentiert sich wie folgt: Ein populistischer Autokrat regiert das Land, aber zum Glück stehen Neuwahlen bevor. Die Zuschauer*innen werden als Teil eines umstrittenen Theaterabends festgenommen und kämpfen gemeinsam um die Freilassung. Dazu werden die Zuschauer*innen in Gruppen je einem von fünf Avataren zugeteilt – die soziologisch fundierten Erlebnistypen entsprechen – und können selbst per Klick mitentscheiden. Dabei hat jede Entscheidung Konsequenzen und wirkt sich auf den individuellen Score eines Avatars bzw. seiner Gruppe aus. So kann ein Bonitätssystem, wie es 2020 in China Standard werden soll, erfahren werden. Worauf soll man setzen? Auf den Regierungswechsel oder auf einen Deal mit dem Machthaber, der nach Zustimmung lechzt? Wohl dem, der sich im Glanz des vermeintlich starken Befehlshabers wohl fühlt. Aber welche Optionen hat der Rest? Jetzt ist die Zeit es herauszufinden, denn die Uhr tickt. 
Das Live Game ist eingebettet in fulminante Videoinstallationen und Bildwelten, Performance und Musik. 

Aufführungstermine: Fr 22.03.19 20:30 Uhr Uraufführung; Sa 23.03.19 20:30 Uhr; Do 28.03.19 20:30 Uhr ausverkauft; Fr 29.03.19 20:30 Uhr; Sa 30.03.19 20:30 Uhr; Do 25.04.19 20:30 Uhr ausverkauft; Fr 26.04.19 20:30 Uhr; Sa 27.04.19 20:30 Uhr; www.theaterwrede.de

Samstag, 23. Februar 2019

Das Spiel des Lebens

(Hannover) Was auch immer geschieht, soviel ist sicher: wir werden sterben. Mit dieser simplen Wahrheit beschäftigen wir uns allerdings nur ungern oder erklären es sogar zum Tabuthema. Das Theater an der Glocksee hat sich dieses Thema vorgenommen und nun macht das Ensemble davon eine neue Stückentwicklung. Premiere von „Freund Hain - Das Spiel des Lebens“  ist am 29.03.2019 um 20:00.

Es liegt schon einiges an Recherche Material bereit welches Milena Fischer-Hartmann, die für Regie und Konzept verantwortlich ist, zusammengetragen hat. Doch nun haben die Proben von „Freund Hain“ begonnen. Und zu dieser Produktion lädt das Theater auch wieder zum besonderen Begleitprogramm ein, das VIP für Very Interested Persons, die an 3 Terminen einen intensiven Blick hinter die Kulissen werfen und eine aussergewöhnliche Gelegenheit bekommen einen Einblick zu nehmen in den Entstehungsprozess einer Stückentwicklung. Dieses Begleitprogramm ist heute eine seltene Form, wird hier doch etwas einen analogen Stellenwert eingeräumt wird, wo doch jeder zuerst ans Internet denkt wenn es um Informationen geht. Und es wird dem Theater das gegeben was eben nur im Theater geht: das unmittelbare Erlebnis von Mensch zu Mensch.

Zunächst stellten sie die Idee und die Recherchen vor die es schon gibt, dann konnten alle einen Blick auf das Modell der Raumgestaltung werfen, und anschließend nahmen alle Platz im Theaterraum der schon zum Teil eingerichtet ist. Man muss schon staunen wie wandlungsfähig dieses kleine Theater ist. Vor einigen Jahren, ich erinnere mich an „Hase Hase“, da wurde durch die Wand zum Foyer gespielt, bei „Raskolnikow humanity is overrate“ kamen Auftritte durch die Küche und beim „Dachsbau“ wurde auch draußen im Regen wacker gespielt. Der Raum, der schwarze Kubus, wird vom Ensemble nicht als echte Begrenzung verstanden. Die Grenzen werden auf kreativer Art und zweckmäßig zur jeweiligen Produktion ausgedehnt, überwunden oder angepasst.


In dem Theaterraum saßen wir nun also und waren nicht nur die interessierten Theatergänger, sondern auch Informanten fürs Ensemble. Wir wurden aufgefordert Feedback zu geben wie wir z.B. die Sitzsituation erleben in Bezug darauf, dass hier der Tod behandelt werden wird. Schnell und überraschend unbefangen entwickelte sich ein intensives und philosophisch anhebendes Gespräch. Offensichtlich brennt es vielen Menschen unter den Nägeln wenn es um den Tod geht. Dabei muss man sagen, es ging wegen des Themas nicht nur traurig oder bedrückt zu, nein, es wurden angeregt die unterschiedlichsten Beiträge gegeben, und es mangelte nicht an würdevollem Humor. Im Mittelpunkt stand dabei selbstverständlich auch das Leben an sich. Denn den Tod kann man eben nur ermessen wenn man das Leben dabei nicht vergisst. Nach der Groteske „Das Knurren der Milchstraße“ zeigt das Ensemble nun, dass sie als Professionelle Theatermacher eben auch respektvoll und mit angemessener Würde den ernsten Stoff des Todes bearbeiten können. Man kann noch an weiteren Terminen an diesem VIP Programm teilnehmen. Anmeldung ist ratsam: www.theater-an-der-glocksee.de

Montag, 18. Februar 2019

Gescheitert in einer kalten Welt

Frank Auerbach, Max Roenneberg, Elif Esmen © Manja Herrmann
(Bremerhaven) Das Stück Extremophil zeichnet sich vor allem durch extrem viel Worte aus. Aber die Schauspieler haben sich die Anerkennung verdient, dass sie diese Wortwalze bezwungen konnten. Vor drei Jahren wurde das Stück von Alexandra Badea in Paris uraufgeführt. Drei Menschen beschreiben ihre Funktionen im Leben an denen sie scheiterten. Unglücklicherweise sind die drei Biografien kongruent mit Situationen die wir aus den Nachrichten und diversen Filmen zur genüge kennen. Und sei es drum, auch wenn der Text literarisch perfekt durchkomponiert ist, auf der Bühne wirkt er steif und ermüdend. Ein Sujet das vor drei Jahren aktuellen Reiz hatte, könnte man heute schon als einen Griff in die Mottenkiste betrachten. Das liegt vor allem daran, dass wir gesellschaftlich und politisch auf der Stelle treten. Oder könnte man konstatieren: Die totale Überwachung und Kontrolle von Staat und Wirtschaftsunternehmen, deren Höhepunkt nicht mehr so fern schein, führt zu einer anhaltenden Bewegung rechtspopulistischer Gesinnung? Derartige Gedanken tauchen jedenfalls auf wenn man auf die Inszenierung schaut.

Es wäre schön gewesen wenn dem Regisseur etwas eingefallen wäre um dem Text ein wenig Leben einzuhauchen. Doch seine Wahl fiel wohl ehr auf eine streng literarische Lösung, als darauf der Schauspielkunst zu vertrauen. Die Tiefen des Textes hat er offensichtlich nicht ausgeschöpft. So hinkt die Bühnenshow dem geschriebenen Potential weit hinterher. Dennoch gelang es jedenfalls Frank Auerbach, vielleicht in Eigeninitiative, seiner Figur in einen lebendig nachvollziehbaren Charakter zu verwandeln. So wurde zumindest aus dem Sprechtheater auch ein wenig Theater. Die Bühne nach hinten mit drei silber-blitzenden Lamellenwänden vor grell weissen Lampen, davor vier schlichte Bänke, gebaut in einem übertrieben robusten Stil so wie man Autobahntoiletten kennt. Hier trifft man eine kalte Welt die Vandalismus erwartet und daher Massnahmen  dagegen ergriffen wurden. Der Rhythmus der Beleuchtung unterstreicht es noch einmal: Dort wo monologisiert wird geht eine Lampe an, natürlich ohne jeden Farbfilter. Man muss sich fragen: Wenn so eine kalte isolierte Welt von der Mehrheit anerkannt wird, oder zumindest geduldet wird, ist es dann nicht auch gut so? Also wogegen sollte man sich nach diesem Text schon groß aufregen? Aber vielleicht ist gerade das die entscheidende Frage.


Die nächste Vorstellung findet am 22.02.2019 um 19:30 statt. www.stadttheaterbremerhaven.de

Samstag, 16. Februar 2019

Zwischen Chaos und Ordnung

(Bremen) Der Raum zwischen einer bestehenden Ordnung zu einer nächsten wird mit dem Begriff Hiatus beschrieben. Unusual Symptons am Theater Bremen haben in der Choreografie von Helder Seabra diesen Ort, der gekennzeichnet ist von Stabilität und Zerfall, ausgelotet. Eine nicht gerade leicht verdauliche Kost die im politischen Gefüge dieser Zeit bestens angelegt ist.

Schon seit langem ist die politische Diskussion um die immer gleichen Probleme festgefahren. Die Argumente sind ausgelutscht, die Reformvorschläge abgedroschen und es gibt keine Sicht auf eine wirkliche Veränderung. Angenommen die Ordnung unserer Gesellschaft wäre am Ende ihrer Weisheit, dann könnte es sinnvoll sein die Perspektive zu wechseln. Taugt die Ordnung nichts, dann greift das Chaos. Sind wir in dieser Zeit vielleicht am Übergang von einem Zustand in einen anderen? Aus der Einführung zu diesem Tanzabend vom Dramaturg Gregor Runge kann man solche Gedanken ableiten. Und damit ist man geneigt Tanz, bei aller Ästhetik und Leichtigkeit oder Harmonie der Bewegung, als ein Medium qualitativ hochwertiger geistiger Reflektion anzusehen. Hier ist es nicht das scharfe Wort mit dem man rational und logisch eine Sache erforscht, sondern die visuelle und betroffen leidenschaftliche Erfahrung des Miterlebens um zu einem besseren Verständnis zu gelangen. So stellte ich mir die Frage, bei den vielen dynamischen Bildern die in vielfältiger Wiederholung gezeigt wurden, wie viel Chaos in der Ordnung sein kann und umgekehrt. Oder etwas konkreter benannt: Wenn wir eine Gesellschaftsordnung  haben, wie kann es dann sein das gleichzeitig so viel Chaos herrscht. Bei einem Rechtsanwalt hatte ich einmal eine Bücherwand gesehen mit den Loseblattordnern von Gesetzestexten. Meterlange Regale auf Dünndruckpapier; wer zum Henker soll wissen was da drin steht und wie man sich danach verhalten soll. Also ein überwältigendes Chaos in der besten Ordnung?

Gerade in den vielen Wiederholungen der aufwendig choreografierten Abläufe ist eine weitere Stärke zu finden. Sehe ich etwas einmal, kann ich rational verstehen. Sehe ich etwas mehrfach erkenne ich ein Muster, also einen komplexeren Zusammenhang. Sehe ich es dann noch und noch und noch Mal, entsteht eine Beziehung zwischen dem was ich sehe und Situationen aus meinem Erleben. Ich werde hineingezogen. Sind die Wiederholungen in vielen Variationen, dann entsteht eine Beklemmung die den Tretmühlen gleichen Ablauf vieler Tage zeigt. Sicherheit durch Vorhersehbarkeit wird zur eingeschränkten Welt, ja, es wird sogar alles ausgeschlossen was eine Erlösung bringen könnte. Ist das die Angst vor dem Chaos oder die Angst vor der Freiheit? Zeiten des Übergangs sind immer sehr kreative Zeiten. Aus der Biologie wissen wir, dass gerade die Übergangsbereiche von z.B. Wald zu Feld die größte Artenvielfalt bietet. Oder: Die Migration wird als ein bedrohliches Phänomen beklagt, bekämpft verwaltet, aber die Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften die nur durch Migration zu finden sind.

In dieser Zeit des Übergangs stellt sich auch die Frage ob im Chaos ein Aufbruch zu finden ist, das ringen mit einer, oder um eine, Initialzündung hin zu einer neuen Ordnung, einer dynamischen vielleicht. Oder ist Dynamik, die stete Veränderung eine Ordnung an sich? Diese Fragen bleiben offen. Sie sind aber durch das Tanz Ensemble: Gabrio Gabrielli, Michai Geyzen, Nora Horvath, Alexandra Llorens, Ulrike Reinbott, Diego de la Rosa, AndorRusu und Young-Won Song auf beeindruckende Weise dargestellt worden. Die Kraft der bewegten und bewegenden Bilder allein durch beseelten menschlichen Körper zeigt wie vielschichtig wir alle sind, unabhängig unserer Kultur, Religion oder Herkunft.


Das nächste Mal ist dieser fantastische Tanzabend am Sonntag den 3. März um 18:30 zu sehen. Ich möchte noch erwähnen dass es eine interessante Einstimmung unter dem Titel Physical Prologue auf der Probebühne gab. Das ist ein schöner ruhiger Übergang von dem was immer man den ganzen Tag tat hin zu einer künstlerischen Teilnahme. www.theaterbremen.de

Donnerstag, 14. Februar 2019

Bremer Erklärung der Vielen

Kunst und Kultur schaffen einen Raum zur Veränderung der Welt

Als Aktive in der Kulturlandschaft haben wir eine aus der Geschichte Deutschlands erwachsene Verantwortung, da von unserem Land die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Künstler*innen. Kunst wurde als „entartet“ diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Als Kulturschaffende in Deutschland tragen wir deshalb eine besondere Verantwortung und wollen diese wahrnehmen.

Heute begreifen wir die Kunst- und Kultureinrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören. Unsere Gesellschaft ist plural. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Das Zusammenleben in einer Demokratie muss täglich neu gestaltet werden - aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten!

Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteur*innen dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte und nationalistische Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne und Programme eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur.

Am Beispiel ihres verächtlichen Umgangs mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kulturschaffenden, mit Menschen diverser Herkunft, diverser Kulturen, Lebensentwürfen oder Religionen und mit Andersdenkenden wird deutlich, wie sie mit der Gesellschaft beabsichtigen umzugehen, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern.

Wir, die Unterzeichnenden, begegnen diesen Versuchen mit einer klaren Haltung.

Wir, die Unterzeichnenden, verstehen das Land Bremen als offen, bunt, vielfältig und liberal. Diese tolerante Vielstimmigkeit zu erhalten und für sie entschieden zu kämpfen, wo es notwendig ist, dazu verpflichten sich die Kunst- und Kultureinrichtungen und die Interessenvertretungen der freien Kunst- und Kulturschaffenden dieser Stadt und dieses Landes.

- Wir, die Unterzeichnenden, führen die offene und kritische Auseinandersetzung über rechtspolitische und jede andere Form von populistischen Strategien, die demokratische Grundwerte untergraben. Aus der Überzeugung heraus, dass wir den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln und zu verteidigen gestalten wir diesen Dialog gemeinsam mit den Akteur*innen der Kunst- und Kulturszene und der Öffentlichkeit.

- Wir, die Unterzeichnenden, fördern Debatten, bieten aber kein Forum für rechtsnationale und andere Propaganda.


- Wir, die Unterzeichnenden, wehren die Versuche der Rechtspopulisten und anderer Populisten ab, Kultur für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

-Wir, die Unterzeichnenden, solidarisieren uns mit Menschen, die durch extremistische Ideologien ausgegrenzt und bedroht werden und wenden uns gegen jede Form der Diskriminierung.

- Rassismus begegnet uns täglich. Wir setzen uns deswegen mit den eigenen Strukturen auseinander und stellen sie zur Diskussion. Wir müssen die Kunst- und Kulturräume, sowie unsere Gesellschaft öffnen, damit  wir wirklich Viele werden!


Solidarität statt Diskriminierung. 
Es geht um Alles. 
Die Kunst bleibt frei!

Freitag, 8. Februar 2019

Theater nah am Publikum

(Hannover) Wer glaubt Theater, das analoge Erlebnis in einer virtuellen Zeit, sei tod, der mag sich vielleicht vom Geruch einiger verstaubter Musentempel irritieren lassen. Doch es ist durchaus schon zum angesagten Treffpunkt avanciert. Zumindest in den freien Theater die ich von Zeit zu Zeit besuche. Kürzlich war ich beim ersten „Salon“ im Theater an der Glocksee. Das kleine, ja schon fast beengende Foyer war am vergangenen Dienstag bis zum bersten gefüllt. Kaum zu glauben das noch ein Pianist und Saxophonist Platz fanden um auf Wunsch eine musikalsche Einlage nach der anderen zu spielen.

Nach kurzer Ansage das dieses Publikumsformat ein neuer kultureller Treffpunkt an ausgesuchten Dienstagen stattfindet war die Klubsituation schon eröffnet. Doch neben den Musikern und den spontanen Gesprächen, bei denen schnell klar wurde dass viele zum ersten Mal in dem Theater waren, wurde an verschiedenen Stellen noch eine Menge Infos über die kommenden drei Produktionen präsentiert. Nicht jede Information kann man im Netz finden. Vieles kann man eben nur erleben wenn man sich auf macht um persönlich da zu sein. Salon, der neue Ort in dem die Kultur des Austauschens, eine „Nah-Bar“ für Gespräche, Aktionen, Kunst und Politik, für Lesungsabende, Clubmomente, Experimente, aktuelle Diskurse und Treffen zwischen Künstlern und Publikum, auf Augenhöhe Platz findet, wurde mit großer Begeisterung gefeiert. Man darf gespannt sein wie dieses neue Format des Theatererlebens ausgebaut wird.


Die Termine findet am auf der Webseite.